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„Schlag den Star“ zeigt, wie man einen perfekten Shitstorm kreiert. Und dass es letztendlich doch Bildungsfernsehen ist. 

Die gestrige Ausgabe von „Schlag den Star“ hat also die Pro 7- und „Elton zockt“-Moderatorin Annica Hansen gewonnen. Ein Schelm, wer da an Schiebung denkt: Denn Hansen hat vor den Augen der Saalgäste und einem Millionenpublikum zuhause (16,5 Prozent MA ,was Pro 7 zum eindeutigen Prime Time-Sieger machte) beinahe alle Challenges klar für sich entschieden, Konkurrentin Larissa Marolt hatte, obwohl es anfangs anders ausschaute, nicht den Hauch einer Chance. Die Gute scheint tatsächlich eher patschert zu sein und Probleme mit Regeln zu haben – woraus man nun schließen könnte, dass sie im Dschungelcamp tatsächlich keine Rolle spielte, sondern ganz sie selbst war. Aber ich schweife ab. Hansen hat jedenfalls gewonnen, die Sympathien waren trotzdem auf Marolts Seite: Die Vize-Dschungelkönigin gab sich als faire Verliererin, blieb ihren Fans typische Marolt-ismen aber trotzdem (oder gerade deshalb) nicht schuldig.

Aber eigentlich spricht nun, nach der Sendung, keiner mehr davon, wer nun eigentlich gewonnen hat und wer nicht, welches Spiel welche Dame für sich entschied. Eigentlich gibt es aktuell nur ein einzelnes Thema: Wie dumm sind die beiden Damen, die sich nach Meinungen einzelner den Titel „Star“ gar nicht verdienen, eigentlich wirklich?! Haben die beiden gestern Abend alle Vorurteile gegenüber Models und Blondinen bestätigt?!

Denn beim „Quiz“, eine fixe Kategorie bei „Schlag den Star/Raab“, gaben sich sowohl Hansen als auch Marolt eine Blöße im Bereich Allgemeinwissen, bei der man neugierig sein darf, in wieweit diese deren Karrieren nachhaltig schaden wird.

Das Quiz ist erst zu Ende, wenn jede einzelne Kategorie (Politik, Geographie, Kunst, Sport, Wissenschaft) von einem Kandidaten gewonnen wurde. Gestern Abend gerieten dann nicht nur Hansen und Marolt, sondern auch Moderator Stefan Raab, eigentlich die coole Sau vom Dienst, ins Schwitzen – weil die vorbereiteten Fragen immer weniger wurden. Ganze 27 Minuten (und 31 (!) Fragen) dauerte dieses Duell, das eigentlich gar kein Duell war, sondern nur ein peinliches Herumdrucken beider Damen und ein Abwarten, ob das Gegenüber nicht doch zuerst ihr Nicht-Wissen preisgeben möchte. Irgendwann, man wurde selbst als Zuseher zuhause schon ganz nervös, hat Hansen dann doch das SPiel für sich entschieden – mehr schlecht als recht, aber was soll’s, immerhin war dem Grauen damit endlich ein Ende gesetzt. Wobei man auch sagen muss: Wahrscheinlich gerade wegen diesem Fremdschäm-Faktor war das „Quiz“ bei der ansonsten eher sehr braven Sendung das Highlight des gestrigen Abends. Eigentlich lief „Schlag den Star“ bei mir nur nebenher, als dann die Damen aber weder wussten, wo die letzten Olympischen Spiele stattfanden, noch, welcher Schauspieler die Hauptrolle in „Iron Man“ spielt (ich weiß nicht, was mich mehr schockiert!), da war dann auch meine Neugier und vollste Aufmerksamkeit geweckt.

Interessanter als das Nicht-Wissen von Hansen und Marolt ist aber die Debatte, die heute im Internet tobt. Zahlreiche User auf Twitter, Facebook und YouTube belächeln nicht nur die beiden Damen, sondern ganze Schimpftiraden werden da losgelassen – die sogar soweit gehen, dass einige User auch nicht davor zurückschrecken, den Damen Selbstmord und „Einschläferung“ zu „raten“. Und spätestens an dieser Stelle fragt man sich: Woher kommt all diese Wut? Schließlich hat hier weder jemand (angeblich!) gegen Türken gehetzt noch sich über österreichische Musiker lustig gemacht oder die „Großen Töchter“ ignoriert. Okay, Allgemeinwissen ist anscheinend wirklich nicht die Stärke von Hansen und Marolt. Aber: Who cares?!

Anscheinend einige. Sehr viele.

Der Großteil der „Schlag den Star“-Debatte wird beherrscht von Klugscheißerei: Natürlich, ICH hätte alle Fragen gewusst. Sei doch ganz klar, war doch ganz einfach, und wer, bitteschön, weiß denn nicht, welche Kunstrichtung auf Karl Gropius zurückgeht?! Eine typische Charakteristik eines Online-Shitstorms (dessen Gegenteil übrigens „Candy Storm“ heißt, falls es wen interessiert und falls das mal bei einem „Schlag den Star“-Quiz abgefragt werden sollte): Man stellt sich über den Angeprangerten/die Angeprangerte, man protzt mit Fähigkeiten, die natürlich keiner überprüfen und die man auch nicht mit Fähigkeiten, die in einer Ausnahmesituation (TV-Quiz) abgeprüft werden, vergleichen kann. Aber man schließt sich der Mehrheit an, in der man die eigenen Schwächen schön verstecken und vor allem von ihnen ablenken kann, und schon entsteht der klassische Sündenbock-Mechanismus. Ich persönlich finde es bezeichnend, dass viele User, die das Nicht-Wissen der Kandidatinnen anprangern und ihr eigenes Allerwelts-Wissen hervorkehren, ihren Kommentar mit „Ey Alter“ beginnen.

Zudem, das sei an dieser Stelle auch gesagt: Nichts tun Leute lieber, als einem ihr Wissen aufzudrängen. Und es einem unter die Nase zu reiben, wenn man dieses Wissen nicht teilt. Wer solche Leute nicht kennt, der drückt an dieser Stelle mal schnell den Buzzer.

Einige User, vielleicht ja doch eher aus der Intellektuellen-Schiene, sahen nach Ausstrahlung von „Schlag den Star“ gar das Bildungssystem Deutschlands und Österreichs in größter Gefahr. „Das Quiz gestern Abend bei #SchlagdenStar war eine Anklage für das Bildungssystem…“, twitterte beispielsweise ein Zuseher offensichtlich bis aufs Äußerste geschockt und besorgt. Dass man in Marolt und Hansen gleich die gesamten Fehler des (deutschen und österreichischen) Bildungssystems bestätigt sehen möchte, ist natürlich Blödsinn. Und doch ein typisches Charakteristikums eines Shitstorms: eine eigentlich harmlose Begebenheit wird innerhalb kürzester Zeit zu einem Politikum hochstilisiert. Herrlich pseudo-politisch-philosophische Debatten sind die Folge, in der plötzlich auch der überzeugteste Nicht-Wähler zum politisch aktiven Bürger wird.

Was natürlich Hand in Hand geht mit der Schadensfreude, die man den Promis unverhohlen entgegenschleudert. Die Tussn kriegen einen Haufen Kohle, viel mehr als ich, und wissen nicht mal, welches Land NICHT zu den G8, wohl aber zu den G7 gehört?! Wie peinlich ist das denn bitte?! Ich sag ja, all die Promis haben einfach nix im Hirn …. Okay, da kann irgendwie, ein bisschen, eventuell was dran sein. Viele C- und D-Promis haben sich tatsächlich auf eine Art und Weise Bekanntheit verschafft, die nicht viel mit Intelligenz zu tun hat (obwohl man ganz schön g’scheit sein muss, um dumm zu sein, aber das ist eine andere Debatte!). Dass die dann doppelt so viel verdienen wie man selbst, das verleitet natürlich zum verärgerten Kopfschütteln, was auch nachvollziehbar ist. Wenn solche, ohnehin schon belächelten und verhassten, Promis dann auch noch an einer Aufgabe öffentlich scheitern, die man selbst (angeblich) mit Bravour gemeistert hätte, lässt das das Fass zum Überlaufen bringen. Ey Alter ….

Sei’s, wie’s sei. Marolt wird nicht allzu viel Schaden durch ihre Allgemeinwissen-Blamage davontragen, sondern so vermutlich gekonnt ihr ohnehin gepflegtes „Ich-bin-nicht-die-Hellste-aber-ich-kämpfe-wie-eine-Löwin-und-bin-immer-fair“-Image untermauern. Hansen dagegen könnte einen nicht unerheblichen Image-Schaden davontragen. Weil sie gewonnen hat, obwohl sie doch versagte. Den Sueskanal nicht benennen konnte. Nicht wusste, welches die größte Insel der Erde ist.

Und das weiß doch schließlich jeder.

Oder?

 

(c) ProSieben / WilliWeber

(c) ProSieben / WilliWeber

 

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