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Andreas Gabalier – vom Volksheld zum Frauenfeind? Natürlich nicht. Denn nach dem Bundeshymnen-Skandal untermauert Gabalier sein „Ich bin einer von euch“-Image einmal mehr. Und macht dies gar nicht deppert.

Kann sich irgendwer noch an Christina Stürmer erinnern?

Ups. Falsch ausgedrückt (oder…?). Hehe.

Also nochmal:

Kann sich irgendwer noch daran erinnern, als Christina Stürmer 2010 eine neue Version der Bundeshymne aufnahm – nämlich nicht nur in rockiger Version, sondern erstmals auch mit den viel-besprochenen „Töchtern“ im Text?
Hier noch mal eine kleine Erinnerungsstütze:

Das Eingliedern der „Töchter“ war zwar damals nur für eine Werbung des BMUKK gedacht, wurde aber bald, nach viel Widerstand, vielen Tränen, viel Ärger und ganz viel Gendern, offiziell in den Text der österreichischen Bundeshymne aufgenommen. Die Politik war zufrieden, das Volk weniger. Was Christl, ganz in Christl-Manier, damals mit Schulterzucken kommentierte: „Dass da manche sagen, ‚brauch ma ned‘, war klar!“ Auf YouTube kann man heute noch schön nachverfolgen, welche Aufregung damals für das plötzlich sehr patriotische Volk ging, wenn man sich die User-Kommentare durchliest:

„Ich meine, unsere Bundeshymne hat doch Tradition und ist nicht irgendein Songtext, den man nach Wünschen ändern kann. Auch wenn es nur für eine Werbung ist, ist das wirklich zum kotzen!“

„Einfach respektlos wie hier mit der Bundeshymne umgegangen wird!“

„Das töchter is einfach ein wahnsinn , scheiss övp und spö , gender wahnsinn“

Ein User fühlte sich in seiner Lebenszufriedenheit anscheinend besonders bedroht:

“Wieso tuat ma sowos bahh, scheiss dreck verdammta“

Irgendwann, wie es so oft in Österreich ist, war alles vergessen (die Aufregung, nicht die Christl. Obwohl….). Die Bundeshymne war bald wieder jedem so wurscht wie zuvor.

Bis Andreas Gabalier kam.

Gabalier und der Schließmuskel

Nun hat es nämlich auch den allseits-beliebten Alpen-Elvis Gabalier erwischt. In Spielberg anlässlich des F1-Grand Prix noch stolz die österreichische Hymne gesungen, war einen Tag später die Hölle los – in der Gesellschaft und vor allem in der Politik. Denn Gabalier, oh je, hat die „Töchter“ absichtlich weggelassen – und sich bewusst für die alte Version der Hymne entschieden. „Ein Affront gegen das Gesetz!“, witterte Ex-ÖVP-Frauenministerin Maria Rauch-Kallat sogleich in der gestrigen ZIB24. Da stellte sie sich nämlich mit Gabalier zur Diskussion und putzte ihn herunter wie ein kleines Schulkind – sogar über seinen Schließmuskel machte sich die Politikerin Sorgen. Weil der nämlich meinte (also der Gabalier, nicht der Schließmuskel), dass das arme Volk sich mittlerweile gar nicht mehr traue, bei der Hymne mitzusingen, weil keiner mehr wisse, wie es nun wirklich heißt – und, das auch noch, hat man in der Schule doch so mühsam den Text gelernt. Also erwiderte Frau Rauch-Kallat, ganz aufgehend in ihrer Direktorinnen-Rolle:

„Mit einem Jahr haben Sie sich auch noch in die Windeln gemacht und mittlerweile haben Sie Ihren Schließmuskel unter Kontrolle. Das haben sie auch geschafft!“

Wer die bereits jetzt denkwürdige Diskussion verpasst hat, kann sie nachstehend nochmal anschauen:

Medien-Profi

Dass die Bundeshymne ein heikles Thema in Österreich ist, weil sie anscheinend alle so sehr lieben, auch wenn keiner (achtet mal bei Gelegenheit drauf!) den Text kann – weder alten noch neuen – , wissen wir ja bereits. Dass Argumente für Rauch-Kallat sprechen, aber auch für Andreas Gabalier, dürfte jedem volks- und weltnahem Bürger auch klar sein. Die „Töchter“ sind ein wichtiges Symbol für Gleichberechtigung der Frauen – und bei Symbolen fängt es bekanntlich an. Andererseits ist es natürlich Blödsinn, Gabalier Frauenfeindlichkeit vorzuwerfen – und dass dieser die große Aufregung nicht nachvollziehen kann, kann man irgendwie auch verstehen.

Interessanter als das Abwiegen der Argumente beider Seiten ist vielmehr, wie Gabalier, immerhin das neue österreichische Nationalgut und Heiligtum, mit seinem ersten handfesten (sagen wir halt mal…) Skandal in seiner Karriere umgeht. Und genau hier beweist Gabalier, dass er durch und durch Vollprofi ist, die Medien in der Hand hat und genau weiß, wie er auftreten muss, was seine Fans von ihm erwarten und wie er die Aufregung für sich nutzen kann. Von „Ich tu einfach das, was mir Spaß macht, ich bin ja nur der Bua aus den Bergen“ ist er hier in Wirklichkeit weit entfernt – auch wenn er natürlich alles tut, um vom Gegenteil zu überzeugen. Während Patzer bei der Nationalhymne den Karrieren von Superstars wie Sarah Connor, Christina Aguilera oder eben auch Christina Stürmer empfindlich geschadet haben, wird Gabalier am Ende einen beruflichen Aufschwung erfahren.

Der Volksvertreter

Wieso das so ist? Man beachte nur mal, welche Rhetorik Gabalier im ZIB24-Interview anwedent: Er spricht von den „feschen Madln“ bei seinen Konzerten, die er „verehrt“ (und Insider wissen, dass Gabalier sehr, sehr dem anderen Geschlecht zugetan ist), er spricht von Tradition, vom Volk, bezeichnet die Bundeshymne als „ein Stückerl österreichisches Kulturgut“, das, würde es nach ihm gehen, „man nicht hätte verändern müssen“. Dazu präsentiert er sich in traditionellem Lederhosen-Look. Diese Worte kommen bei den Gabalier-Fans, zum Großteil Österreich-verbunden und oftmals auch auf konservativer Seite (traue ich mich nun zu behaupten und werde dafür sicher gleich gescholten), an. Immer wieder betont er, dass das Volk die Textänderung nicht befürworte, aktuell fordert er gar eine erneute Volksabstimmung. Er plädiert, mehr oder weniger subtil, an das traditionelle Herz der Österreicher, das bekanntlich für das Motto „Des woa scho immer so, wieso sollt’s jetzt anders sein?!“ schlägt. Gleichzeitig spielt er die Rolle des Revoluzzers, der sich „als kleiner Mann“ gegen die Politik, „die Großen“, stellt, wenn er trotzig betont, dass er auch weiterhin den alten Text singen werde – Gesetz hin oder her.

Es ist eine nahezu perfekte Marketing-Strategie seiner Person, die auf Authentizität und Volksnähe setzt – und dabei besser funktionier als jede Rede eines Politikers. Dass er sich aber politisieren will, das streitet Gabalier sofort ab, indem er sich betont von den Grünen und der FPÖ distanziert – wohlbemerkt von jenen Parteien im Land, die am meisten polarisieren. Die zwei größten Parteien, ÖVP und SPÖ, lässt Gabalier wohlbemerkt außen vor. Er spricht zudem mit klaren, einfachen Worten, ist zu Rauch-Kallat betont höflich, bedankt sich am Ende der Sendung ausschweifend für das Interview – Dinge, die „vom Volk“ an Politikern bei TV-Diskussionen immer wieder kritisiert werden. Das Argument der „Frauenfeindlichkeit“ fegt er mit einem einfachen, aber effektivem Argument vom Tisch: „Gerade 2014 muss man Frauen nicht mehr extra überall hervorheben.“

Er denkt wir wir (sort of)

Dass das natürlich nicht stimmt – man sehe sich nur die immer noch existierenden Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen an -, ist relativ offensichtlich. Und trotzdem spricht er dem Großteil der ÖsterreicherInnen 😉 aus der Seele. Viele aus meinem Bekannten- und Freundeskreis, darunter sehr viele Frauen, kritisieren das „Gendern an jeder Ecke“, sind genervt davon, belächeln Feministinnen und denken vor allem praktisch, wenn sie sagen, dass „das eine Wörtchen in der Bundeshymne nix daran ändern wird, ob Frauen nun weiterhin benachteiligt werden oder nicht.“ Auch auf einer Sponsion auf der Wiener Hauptuni, zu der ich kürzlich eingeladen war, sang jeder, auch die Vertreter der Universität, die Hymne mit altem Text. Und das voller Überzeugung.

Richtig oder falsch sei an dieser Stelle egal – die Mehrheit der ÖsterreicherInnen denkt und handelt nun mal so. Das weiß Gabalier. Und macht sich mit seinen Worten zu einem von ihnen. Man kann davon ausgehen, dass es sich im Verkauf seiner Konzerttickets und CD-Alben niederschlagen wird.

„Hyster… ähm… Historisch“

Zum Schluss sei noch angemerkt, dass es im ZIB24-Interview zwei kurze Stellen gab, in denen Gabalier seine perfekte Maske fallen zu lassen scheint; in denen er tatsächlich authentisch ist: Zum einen verspricht er sich zweimal (!) beim Wort „historisch“ und deutet stattdessen das Wörtchen „hsysterisch“ an – ein klassischer Freud’scher Versprecher, möchte man fast sagen.

Zum anderen lässt er in der letzten Sekunde der Diskussion seiner (wohl schon die ganze Zeit in ihm brodelnden) Wut freien Lauf, indem er der Moderatorin Lisa Gadenstätter, nachdem diese das Gesprächs aus Zeitgründen abbricht, frustriert vorwirft: „Warum müssen wir die Diskussion jetzt beenden? Weil der ORF jetzt Serien wiederholt in der Nacht?!“ Da muss man schon grinsen. Und fällt somit gleich selbst auf den Gabalier-Trick rein: Denn sogar hier spricht Gabalier den ÖsterreicherInnen aus der Seele. Er kann’s halt nicht lassen.

Was man also über den Text der Bundeshymne denken mag, ob die Aufregung nun gerechtfertigt ist oder nicht – über folgenden Spruch sollte man vielleicht trotzdem mal nachdenken:

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