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ACHTUNG, SPOILER!

„Grey’s Anatomy“-Staffelfinale haben es nicht leicht. Mittlerweile gehört es zum guten Ton, dass das Ende einer Staffel noch dramatischer in Szene gesetzt wird als jeweils das Jahr davor. Da gibt es verheerende Flugzeugabstürze, einen amoklaufenden Killer oder Todes-Stürme. Shonda Rhimes setzt immer noch einen drauf, an Glaubwürdigkeit wird kein Gedanke mehr verschwendet, denn schließlich sollen die Zuseher vor Spannung nicht mehr zum Aufatmen kommen und natürlich verleitet werden, auch kommende Saison einzuschalten.

Das Finale der zehnten „Grey’s“-Staffel, „Fear of the Unknown“, machte da aber eine (wohltuende) Ausnahme. Vergleichsweise friedlich ging die Episode zu Ende, keiner musste sterben, keiner wurde lebensgefährlich verletzt, keiner hinterging irgendwen. Die vorher als Terroristenanschlag verkaufte Explosion entpuppte sich am Ende nur als herkömmliche defekte Gasleitung. Die Dramatik hob sich Rhimes vollends für eine einzelne Figur auf: Christina Yang. Denn diese kehrte in dieser Folge dem Greys-Sloan-Memoriam-Hospital für immer den Rücken. Da dürfen andere Ereignisse nicht ablenken.

Passend leiser Abschied

Es fällt schwer, Christina Yang (und Sandra Oh) gehen zu lassen. Eine der wenigen asiatischen weiblichen Hauptrollen im TV, eine der ganz wenigen weiblichen Figuren, die sich niemals dafür entschuldigten, keine Mutter sein zu wollen. Christina Yang war die stärkste Figur von „Grey’s“, die perplexeste (gibt’s das Wort?), die mutigste, die klügste. Die Freundschaft zwischen ihr und Meredith war die wahre Lovestory der Serie, von Beginn an, und hielt Fans an der Stange, viel mehr, als es Meredith und Derek taten. Ja, eine Figur wie Christina Yang möchte man nicht so einfach gehen lassen. Schon gar nicht Shonda Rhimes.

Also ließ sie Christina in „Fear of the Unknown“ auch immer wieder, mehrmals, in kleinen Stücken, leise Abschied nehmen, kleine Good-Byes, auf die Folge verteilt. Ließ sie kurz vorm Ende doch wieder zurückkehren und erlaubte ihr sogar so etwas wie eine Wiedergeburt, nachdem Rhimes die Fans in Schockstarre minutenlang glauben ließ, Christina wäre bei der Explosion in der Mall gestorben. Und als sie plötzlich wieder da war, einfach so, dachte man auch mal kurz daran, Christina sei ein Geist, im Rhimes-Universum schließlich nicht unvorstellbar. Aber nein, Christina war am Leben, und hatte sogar die letzte Minute des Finales ganz für sich allein. Wie es sich für solch eine denkwürdige Figur gehört. Von keiner anderen „Grey’s“-Figur wurde derart zelebrierend und wehmütig Abschied genommen wie von Christina Yang. Und derart passend: Keine sentimentalen Abschiedsgrüße, keine Nervenzusammenbrüche, nicht all zu viele Tränen. Das alles wäre für die abgeklärte Chirurgin nicht passend. Sie weiß, dass gezielt leise Akzente mehr bewirken als große Schmerzorgien.
Nein, wir alle wollen Christina Yang einfach nicht gehen lassen.

Geplanter Abschied

„Fear of the Unknown“ war eine Tributfolge an Sandra Oh und ihre Rolle. Nachdem schon sehr früh bekannt wurde, dass Oh der Arztserie nach der zehnten Staffel den Rücken kehren würde, konnte man auf den großen (und ansonsten beliebten) Überraschungs-Schock-Moment verzichten, im Gegenteil: man konnte mit dem Abschied spielen, konnte ihn quälend lang hinausziehen, bis es einfach nicht mehr ging. So bekam Christina eine wundervolle Szene mit Alex, die zeigte, wie sehr sich die beiden Charaktere, die sich im Grunde so ähnlich sind, seit Staffel Eins weiter entwickelten. Es gab eine augenzwinkernde Mini-Szene mit Bailey, die augenrollend von Christina umarmt wurde – schließlich ist sie jene Figur, die Umarmungen noch mehr verabscheut als Christina Yang. Süß auch der sehr kurze, aber innige Abschied von Derek, der einmal mehr seinen Dackelblick aufsetzen durfte. Leise Tränen kullerten, als sich Christina schweigend und ohne Worte von Owen verabschiedete. Hier durfte Oh einmal mehr zeigen, wie viel Emotionen und Gedanken sie nur mit Gesichtsausdrücken ausdrücken kann und dabei trotzdem (oder deswegen) vollkommen die Szene beherrscht.

The True Love Story

Das Highlight der Episode war natürlich die letzte gemeinsame Szene von Christina und Meredith. Sie sind immer noch, 10 Jahre danach, für den jeweils anderen die „person“, auch wenn die vergangenen Monate Spuren hinterlassen haben. Meredith, die ihre Karriere wegen der Familie hinten anstellen und zusehen musste, wie ihre beste Freundin Christina an ihr vorbeizog, pendelt in „Fear of the Unknown“ ständig zwischen Entschlossenheit, das richtige für Christina zu tun, und der Trauer, die sie zu überwältigen droht, wenn sie realisiert, dass ihre beste Freundin bald tatsächlich nicht mehr da sein wird. Der innere Kampf von Meredith spiegelt sich in jeder Szene: einerseits das Aufatmen, endlich die Allerbeste im Krankenhaus zu sein, andererseits ihre engste Vertraute zu verlieren. Toll gespielt von Ellen Pompeo!

Wobei: „Es ist nicht das Ende“, stellt Christina klar, bevor sie noch einmal mit Meredith zum Song „Where does the Good go“ so richtig abtanzt – wie es die beiden in den Anfangsjahren von „Grey’s“ so gerne getan haben (zum identen Song übrigens). Das alles in Slow Motion, natürlich, damit es schön kitschig wird und uns den Schmerz über den Verlust von Christina nochmal näher bringt. Und es tut tatsächlich weh, diese Szene, nicht nur, weil es die letzte mit Christina und Meredith ist, sondern auch, weil wir an viel bessere Zeiten erinnert werden: George und Izzy werden erwähnt, der Amokläufer und der Kerl mit der Bombe in der Brust. Die „Fab Five“, das waren Mer, Christina, Izzy, George und Alex, und heute sind nur noch zwei von ihnen übrig. Das wird Christina und Meredith bewusst, das wird uns bewusst, und es tut weh. Es wird nie mehr so sein, wie es mal war. Es ist schon lange nicht mehr, wie es mal war.

Wir wollen nicht, dass Christina geht. Doch sie geht. Nach dem Tanz. Nach dem herzergreifenden Beziehungs-Rat an Meredith: „He’s very dreamy, but he’s not the sun. You are.“ Und dann ist sie weg. In Zürich, wie wir zum Schluss nochmal sehen, als „Director of Cardiothoracic Surgery“, mit Voice-Over, natürlich. Es ist eine glorreiche Zukunft, die Christina Yang offen steht.

Eine Zukunft ohne Christina

Aber sie hinterlässt einen Trümmerhaufen im Greys-Sloan-Memoriam.
Denn was bleibt, wenn Christina Yang nicht mehr da ist? Eine Leihmutter für Calzona, ein anbahnender Streit zwischen Alex und Bailey (obwohl, das könnte hinhauen), eine Beziehungskrise zwischen Meredith und Derek – und eine weitere Long-Lost-Sister von Meredith. Die ist nämlich aufgetaucht, ganz plötzlich, in Form von Christinas Nachfolgerin, Dr. Pierce. Und das ist dann schon sowas von abgedreht, sogar für Shonda Rhimes-Verhältnisse, dass man sich tatsächlich die Frage stellen muss, welchen Scherbenhaufen der Abgang von Christina Yang, eine der faszinierendsten Figuren in der TV-Geschichte, angerichtet hat.

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