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Nun hat’s also angefangen. Der Olympische Spiele-Wahnsinn. Eigentlich waren mir die schon immer egal, ob nun Winter oder Sommer, ob Sieg oder Niederlage, war mir immer ziemlich wurscht. Das ist dieses Jahr anders, weil die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi stattfinden, im Wunderland der Homophobie-Gesetze, im Schlaraffenland aller Menschenhasser, im Paradies für Rechtsradikale.. Okay, das alles habe ich nun nicht gesagt. Oder doch, ich hab’s gesagt. Ich sitze ja gerade nicht in Russland. Ich darf sagen, was ich will. Und irgendwie weiß ich das in diesem Moment auch ziemlich zu schätzen.

Also, dieses Jahr ist mir Olympia nicht egal. Weil uns hier eine Scheinheiligkeit präsentiert wird, dass es wirklich dem Fass den Boden ausschlägt (oder dem Putin seine perfekt sitzende Frisur zersaust). Hier geht es ja um Einigkeit, um Brüder- und Schwesternschaft, um das gemeinsame Kämpfen für dasselbe Ziel. Vereinen sollen die Olympischen Spiele, all die Nationen, all die Länder, all die Menschen. Hat nur dieses Jahr nicht wirklich geklappt, weil es von Beginn an Proteststürme gegeben hat, als öffentlich wurde, dass Sotschi dieses Jahr der Olympia-Place-to-be ist. Und weil kurz vorher noch das Homophobie-Gesetz verabschiedet wurde, das alle Menschen im Land bestraft, die positiv über Homosexualität sprechen. Zumindest in Gegenwart von Minderjährigen, weil man will die ja nicht auf blöde Gedanken bringen und so. Die Realität sieht freilich anders aus: Offene Gewalt gegen Schwule in Russland ist kein Geheimnis, die Polizei und allen voran Ober-Unsympathler Putin schauen gekonnt weg. Oder forcieren die Gewalt sogar, aber das stelle ich nur mal so in den Raum.

Gott sei Dank gibt es auf der Welt aber auch noch gute und normal denkende Menschen: Zahlreiche Sportler, Künstler und Politiker haben als Protest ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen abgesagt. Verschiedene Autoren schrieben einen offenen Brief an Putin (dem das ziemlich wurscht sein dürfte, aber trotzdem: die Geste zählt). Auch UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat vor Beginn von Olympia offen zur Unterstützung von Homosexuellen aufgerufen: „Wir müssen gegen Festnahmen, Inhaftierungen und diskriminierende Restriktionen, denen sie ausgesetzt sind, aufbegehren.” Das ist mal ein guter Mann.

Und deshalb sage ich jetzt ganz offen (NIMM DAS, PUTIN!): Eigentlich wär’s mir lieber, mein Heimatland Österreich würde dieses Jahr keine Medaille mit nach Hause nehmen. Dass das nun zu spät ist, ist mir klar, aber man darf sich ja noch was wünschen. Warum? Weil ich nichts von einem Land haben möchte, das Menschenrechte mit Füßen tritt. Das im wahrsten Sinne des Wortes Menschen mit Füßen tritt. Ich weiß, das ist irrational, ich weiß, dass ich hier ausschließlich meine Gefühle sprechen lasse. Ich weiß, dass die Sportler nichts für die Situation in Russland können, dass unser sportlicher Erfolg nichts mit der russischen Homophobie zu tun hat.

Oder doch?

Olympia ist Politik, Punkt (um Larissa Marolt zu zitieren). Etwas anderes zu behaupten, wäre mehr als naiv. Es wäre schön gewesen, ALLE Sportler hätten sich im Vorfeld geweigert, in Sotschi an Olympia teilzunehmen. Es wäre schön, wenn sich die Sportler wenigstens kritisch äußern würden (bzw. dürften). Wenn die Radiomoderatoren vor Freude auszucken, weil ein Kärntner Gold für uns geholt hat, dann schwingt hier ein sehr fahler Beigeschmack mit. Holt er auch mehr Toleranz nach Österreich? Oder eher: bringt er mehr Toleranz nach Russland? Deshalb: who cares, wenn wir irgendwelche Medaillen gewinnen? Die ganze Welt schaut nach Sotschi, und nur ein (im Vergleich) kleiner Teil demonstriert gegen die dortige soziale Lage. In Österreich zum Beispiel wird das Thema „Homosexualität in Sotschi“ so gut wie außen vor gelassen (bis auf wenige Ausnahmen), in den Niederlanden aber ist es aktuell DAS Top-Thema. Wenn wir uns nun also freuen, weil wir ja ach so toll Skifahren, dann hat das etwas Absurdes. Etwas Trauriges.

Und wenn ich bald die Schlagzeile „WIR SIND SOTSCHI!“ oder „WIR SIND OLYMPIA!“ lesen sollte, dann muss ich kotzen.

Ja, auch das sage ich offen. Genauso wie: Ich bin schwul.

Was für ein Privileg.

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