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Vor ein paar Tagen, da habe ich wiedermal seit Ewigkeiten eine Folge von „Gilmore Girls“ im TV gesehen. Und ich dachte mir, wie schön so eine Eltern-Kind-Beziehung nicht ist. Die erzählen sich alles, verbringen ihre Freizeit zusammen, knuddeln sich, teilen Geheimnisse. Ja, so muss das sein.

Am Abend desselben Tages hab ich (endlich) die erste Folge von „Bates Motel“ gesehen. Und auch hier wieder so eine innige Eltern-Kind-Beziehung. Mutter und Sohn erzählen sich alles, verbringen ihre Freizeit zusammen, knuddeln sich, teilen Geheimnisse. Ja, so …

… sollte das nicht sein.

Denn die Mutter, die heißt Norma Bates. Und der Sohn, das ist der Norman Bates. Jener durchgeknallte Killer mit Persönlichkeitsspaltung und Mutterkomplex, der es liebt, Frauen in Duschen abzustechen.

Wie schön Mutter-Kind-Beziehungen nicht sein können.

Gelungene Psychoanalyse zerbrochener Charaktere

„Bates Motel“ ist die (wenn auch in die zugleich sehr vergangene wirkende Gegenwart versetzte) serielle Vorgeschichte von Hitchcocks Klassiker „Psycho“. Streng genommen aber orientiert sich die Serie inhaltlich eher an „Psycho IV: The Beginning“, denn erzählt werden eben die Jugendjahre von Norman Bates (Freddie Highmore), der hier erst 17 Jahre alt ist und noch nicht komplett durchgeknallt ist (sich aber auf dem besten Weg dazu befindet). Zusammen mit seiner Mutter (grandios: Vera „Felicity Huffman-Lookalike“ Farmiga) eröffnet er ein Motel, die berühmte Absteige aus „Psycho“, die in der Serie samt ikonischer Gruselvilla mehr oder weniger detailgenau (aber dennoch sehr beeindruckend) nachgebaut wurde.

Und auch wenn die Dorfbewohner rund um das Bates Motel ziemlich crazy sind und mit Machenschaften wie Menschenhandel zu tun haben, so steht im Mittelpunkt der Serie natürlich die Beziehung zwischen Norma und Norman. Die ist nämlich, wie „Psycho“-Fans wissen, bestimmt von Dominanz, psychischer Gewalt, Co-Abhängigkeit, alles überschattende Liebe, subtile Erotik und ganz schön viel Verrücktheit. Norma treibt, indem sie zum Beispiel mit Eifersucht und großes Misstrauen auf alle Frauen in Normans Leben reagiert, ohne es zu merken ihren Sohn mehr und mehr an den steilen Abgrund, der ihn – was das Publikum natürlich weiß und was den Reiz der Serie auch ausmacht – schlussendlich auch verschlingen wird. So eine desaströse familiäre Beziehung hat man zuletzt in „Six feet under“ gesehen, wobei die Bates die Fishers um Längen schlagen. Weil der Sohn hier schon mal mit der Mutter einen Mord (oder auch mehrere) vertuscht, sie beim Ausziehen beobachtet, zusammen mit ihr im Bett kuschelt oder sie auch mal aus einer – sehr brutalen – Vergewaltigung rettet. Das alles ist zerstörend und faszinierend zugleich. „Bates Motel“ bietet dem Publikum eine gelungene Psychoanalyse zerbrochener Charaktere, deren Zukunft bereits vorbestimmt ist – und auch mit rasanter Geschwindigkeit darauf zusteuern.

Wie konntest du nur so werden?

Natürlich, auch wenn „Bates Motel“ als Thrillerserie sehr viel richtig macht und die hohen Einschaltquoten (die Pilotfolge brach mit 3 Millionen US-Zusehern den Senderrekord von A&E) auch durchaus gerechtfertigt sind: ein allzu großes Risiko geht „Bates Motel“ von Beginn an nicht ein. Der Großteil kennt die Story rund um Norman Bates und die Vorgeschichte großer (Kino-) Helden (oder auch die seit Jahren so beliebten Anti-Helden) erzählt zu bekommen, kommt beim Publikum immer gut an. Man denke nur an „Smallville“, das erzählt, wie aus Clark Kent Superman wurde. An „Carrie Diaries“, die Serie, die Carrie Bradshaws Anfangszeiten in New York schildert. Die aktuell erfolgreiche Thrillerserie „Hannibal“ befasst sich mit der Vorgeschichte des berühmten Serienkiller, und der 2009er „Star Trek“-Film zeigte Captain Kirk und Spock das erste Mal in ihren Jugendjahren. Es macht ganz einfach Spaß, Ereignisse erzählt zu bekommen, von denen wir wissen, wie sie ausgehen werden – wenn auch erst viele Jahre später. Bei Serienkillern fasziniert dies natürlich noch mehr. Man stelle sich zum Beispiel nur mal eine Prequel-Serie zu „Dexter“ vor. Da lässt sich ganz toll Hobby-Psychiater spielen.

So ist „Bates Motel“ nicht dann am besten, wenn es um die vielen Subplots geht, die von der ersten Folge an eingeführt werden, sondern dann, wenn die Beziehung zwischen Norma und Norman im Mittelpunkt steht. Anders wie „The Following“ oder auch „Hannibal“ bezieht „Bates Motel“ seinen Schrecken nicht durch brutale und grauenerregende Mordszenarien, sondern eher durch den subtilen psychischen Horror, der von der erschreckenden Mutter-Kind-Beziehung ausgeht. Und ist so ganz im Stil von Hitchcock gehalten.

Vera Famigars Darstellung pendelt grandios zwischen liebevoller Mutter und erdrückenden Kontrollfreak, zwischen machtbesessener Täterin und zerbrochenem Opfer, zwischen Satire und messerscharfer Psychoanalyse. Auch wenn Freddie Highmore als Norman den leisen Schrecken von Anthony Perkins gut einfängt, so gehört die Serie doch Farmiga, die in jeder einzelnen Szene ihre Co-Darsteller mühelos an die Wand spielt.

Thriller mit Camp-Elementen

Bei „Bates Motel“ geht’s Schlag auf Schlag, die Ereignisse überstürzen sich ab der ersten Episode und der geneigte Zuseher kommt bis zum Finale nicht zum Durchatmen. Natürlich, manchmal wird aus einem Storybogen ein gar einfacher Ausweg genommen, aber was soll’s, die scharf gezeichneten Charaktere und der sehr schnell einsetzende Suchtfaktor machen das wieder wett. „Bates Motel“ bietet also eine runde und gelungene Mischung aus Thriller, Camp und Teendrama, das von Hitchcock selbst stammen könnte. Der Meister wäre zufrieden gewesen. Und wir verstehen Norman endlich ein bisserl besser.

Und das erschreckt an „Bates Motel“ am meisten.

Die zweite Staffel von „Bates Motel“ startet in den USA im März auf dem Sender A&E. 

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