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Ich bin erklärter Fan von „Modern Family“. Weil die Serie die lange Tradition der Familiensitcoms a la „Full House“ oder „Unser lautes Heim“ gekonnt weiterführt, dank narrativer Tricks wie Mockumentary-Stil oder dem Zeigen moderner Familienverhältnisse (Patchwork, schwules Pärchen) trotzdem frisch und … naja, eben modern genug daherkommt, um neben so innovativen Sitcoms wie „How I Met Your Mother“ oder auch „The Big Bang Theory“ bestehen zu können.

Ja, „Modern Family“ will modern daherkommen. Wäre ja sonst auch blöd, wegen Titel und so. Aber: Wie modern ist „Modern Family“ eigentlich wirklich? Genügt es, ein schwules Pärchen mit Adoptivkind sowie ein Ehepaar mit großem Alters- und Nationalitätenunterschied zu zeigen, die, gemeinsam mit der traditionellen Mutter-Vater-Kind-Kind-Kind-Familie, eine große, mehr oder minder glückliche Chuzpe bilden?

Schaut man ein bisserl hinter die Mockumentary-Fassade, offenbart sich ziemlich schnell, dass sich auch in „Modern Family“ das eine oder andere überraschend altmodische und vor allem patriarchische Statement versteckt:

1. Das Berufsleben gehört den Männern: Während die Männer in „Modern Family“ erfolgreich im Berufsleben stehen (oder standen), müssen die Ehefrauen das Heim hüten. Die Kinder erziehen und den Haushalt schupfen. Gloria bedient zudem das Klischee des shopping- und pedikürsüchtigen Luxusweibchens wie nur wenige andere Serienfiguren, und sogar Cameron, der „weibliche Part“ in der schwulen Beziehung, muss das berufliche Feld seinem Partner Mitchell (zumindest anfangs) überlassen. Dass dies nicht nur ein veraltetes, sondern auch ein unrealistisches Bild unserer Gesellschaft repräsentiert, dürften auch die AutorInnen irgendwann verstanden haben: In der aktuellen Staffel Fünf darf Claire endlich arbeiten gehen. Wo? In Der Firma ihres Daddys. Klar.

2. Klischees, Teil 1: Und das rege Geschlechterrollen-Klischee-Spiel geht munter weiter: Bis auf Alex, die hochintelligente Dunphy-Tochter, sind alle Frauen in der Serie technisch … sagen wir mal, unbegabt. Es gibt sogar eine Episode, in der sich Claire und Haley mit der Technik des Festplattenrecorders herumschlagen – der, klar, nur von Vater Phil und Sohn Luke bedient werden kann. Ach ja, Luke, der ist natürlich auch hoch technik-affin, während die älteste Tochter Haley nur Party und Jungs im Kopf hat. „Sandwich-Kind“ Alex ist zwar ein Genie, hat dafür aber keine Freunde. Man könnte jetzt sagen: Intelligente Mädchen haben es schwer im Leben, weil sich keiner für sie interessiert. Weshalb Obertussi Gloria in Staffel Eins Alex vielleicht deshalb zum girly-girl verwandeln möchte. Apropos Gloria: In der Episode „Game Changer“ lässt sie, das Schachtalent, ihren Ehemann Jay beim Spiel mehrfach gewinnen, damit dieser nicht in seinem Stolz und seiner männlichen Ehre gekränkt wird. Die Frau versteckt ihre Fähigkeiten, macht sich für den Ehemann klein. Das ist viel, aber sicher nicht „modern“.

3. Küssen verboten! Wir kennen es bereits, und leider macht hier auch „Modern Family“ keine Ausnahme: Leidenschaftliche Liebesbekundungen sind den Hetero-Pärchen der Serie vorenthalten. Cam und Mitchell dürfen ihre körperliche Anziehung füreinander indes (fast) nur hinter verschlossenen Türen zeigen. Statt geküsst und gestreichelt wird umarmt, ganz wie zwei gute Freunde, aber sicher nicht wie ein Ehepaar. Schade. Das fand auch die US-amerikanische LGBT-Community und startete bereits im Laufe der ersten Staffel eine „Cameron-und-Mitchell-Kiss“-Kampagne auf Facebook. Gebracht hat’s wenigstens bisslerl was: In Staffel Zwei wurde die fehlende körperliche Erotik zwischen den beiden gar zum Thema einer Episode gemacht. Sogar küssen durften sich die beiden daraufhin, ganz unaufgeregt, dafür aber mit viel Aussagekraft. Zumindest in diesem Moment. Seitdem  geht’s zwischen Cam und Mitchell nämlich eher wieder wie bei einem Kindergeburtstag zu.

4. Klischees, Teil 2: Und noch mal geht’s um die beiden Tucken in „Modern Family“. Und ich sag das absichtlich (bevor es zu lauten Protestrufen kommt!), denn: Klischeehafter könnte die Darstellung von Cam und Mitchell im Grunde nicht sein. Cameron präsentiert sich mit den gebrochenen Handgelenken, der hellen Stimme und der Hang zur Theatralik wie die Klischee-Schwuchtel aus den 1980ern, während Cam zwar scheinbar den männlichen Part in der Beziehung übernehmen soll, dank Liebe zum Sarkasmus, Tratsch und Geltungsdrang aber viele stereotype Schwulenbilder bedient. Man kann drüber hinwegsehen, nicht nur, weil man sich nach spätestens zwei Staffeln daran gewöhnt hat, sondern weil Jesse Tyler Ferguson und Eric Stonestreet das überdrehte Pärchen mit derart viel Liebe, Natürlichkeit, Detailtreue und Selbstironie verkörpern, dass man ihnen gar nicht lange böse sein kann. Dass aber nicht mal das LGBT-Publikum ob der klischeehaften Darstellung aufschreit (und wenn, dann nur sehr leise), sollte vielleicht eher zu denken geben.

5. Gute, neue Welt: Geldprobleme gibt’s so gut wie keine. Auch nicht dunkelhäutige US-Mitbürger. Die Welt ist eine mittelständige, von weißen Männern regierende Gesellschaft. Und, ach ja: Die Familie löst alle Probleme. Klar.

Und trotzdem: „Modern Family“ ist halt so lustig. Und das ist wahrscheinlich das traurigste Statement von allen.

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