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Es gibt Filme, da hört man buchstäblich das Aufbrechen der Grenzen. Wie sie knacken, überschritten und auch nicht mehr repariert werden können – nicht, dass sie das sollten, denn wenn narrative und visuelle Grenzen überschritten und sogenannte Tabus gebrochen werden, tut das meist nicht nur dem Film selbst, sondern auch dem Zuseher gut. Und der Gesellschaft, im besten Fall. Weil diese Filme zum Denken anregen, zur Reflexion seiner Selbst und der Mitmenschen um einen herum. Man erkennt, in welchen Strukturen, Denkstrukturen man gefangen ist, wahrscheinlich schon sein Leben lang, und dass man diese nie erkannt hat, weil sie einem eingeimpft werden, aufgedrückt werden, von der Familie, manches Mal auch von Freunden, fast immer von der Politik und nicht selten von den Medien.

Wow, James Franco wäre jetzt richtig stolz auf mich.

Weil: Genau das, nämlich das Erkennen von gesellschaftlichen und eingebürgerten Denkmustern, möchte Franco in seinem Film „Interior. Leather Bar“ aufzeigen. Das Movie, ein Mix aus Dokumentation, Fiction, Thriller, Drama, Porno und eigentlich alles, was es noch so gibt, gehört in eine jede DVD-Sammlung, die Wert auf Filme abseits des Mainstreams legt, auf Nischenfilme, die verstören und begeistern zugleich, die die menschliche Seele und unsere (da ist es schon wieder) Art des Denkens offenbaren, wie es eben nur dann funktioniert, wenn man die eigene Welt für kurze Zeit verlässt, um in eine andere einzutauchen, die gerade noch ähnlich genug der eigenen ist, aber doch eine ganz eigene Realität erschafft. Aber ich schweife ab, was bei Filmen/Büchern/Fotografien/Essays von Franco (was macht der Gute eigentlich nicht?) nicht verwundert, weil er im besten Fall so viele Knöpfe auf einmal drückt, so viele Eindrücke auf einen zugleich einprasseln, dass man aus dem (Nach)Denken gar nicht mehr herauskommt. Franco, das ist der avantgardistische Intellektuelle Hollywoods, der „Heteronormativität“ genauso in den Mund nimmt wie „RomCom“, der Oscar-Nominee, der in Disney-Franchisefilmen mitspielt, der Heterosexuelle, der sich filmisch und künstlerisch immer wieder zur Homosexualität hingezogen fühlt.

Und damit wäre eigentlich auch „Interior.Leather Bar“ schon ganz gut beschrieben, der Film, bei dem „Hollywoodstar“ Franco Co-Regie führte und als Produzent fungierte. Jener Film, der ursprünglich als Videokunst-Projekt für eine New Yorker Galerie gedacht war, schlussendlich bei verschiedensten Filmfestivals (u. a. Sundance) viel Lob einheimste. „Interior. Leather Bar“ entzieht sich jeder Kategorisierung – genauso, wie es von Franco und dem Filmemacher Travis Matthews geplant war. Eigentlich ist für „Interior. Leather Bar“ nur eine einzige Definition möglich: nämlich, dass es keine gibt. Und wenn vielleicht doch, dann möchten Grenzen verschoben, verwischt und eben aufgebrochen werden.

Der Weg als Ziel

Wohin der Film will und worum es genau geht, das wissen nicht mal die Protagonisten, die streng genommen keine sind, selbst so genau. Die Ausgangsidee des Projekts von Franco und Matthews war es, die geschnittenen, verlorengegangen Sexszenen des Al Pacino-Movies „Cruising“ (in den 1980ern ein Skandalfilm!) nachzustellen. Immerhin handelt es sich hier um 40-minütiges Filmmaterial, da lässt sich schon was draus machen. Anstatt aber, immerhin das wird anfangs klargestellt, die Szenen so nachzustellen, dass der Zuseher tatsächlich glaubt, sie entspringen dem Originalfilm, geht es den Filmemachern (allen voran Franco) mehr darum zu zeigen, wie diese Szenen entstehen. Entstehen hätten können. Damals. Aber auch heute. Womit wir schon wieder beim Definitions-Entzug wären.

„Interior. Leather Bar“ mag auf den ersten Blick, in den ersten Minuten wie ein Dokumentarfilm, ein „Making Of“ daherkommen – ein „Making Of“, das gleichzeitig der Hauptfilm ist, denn das Produkt, das eigentlich entstehen soll (die 40-Minuten-Sexszenen) ist nur ansatzweise zu sehen. Es geht um den Weg zum Ziel, nicht um das Ziel selbst. Franco, der natürlich im Film selbst auch vorkommt, ist er selbst, genauso wie alle anderen Personen in „Interior.Leather Bar“ auch. Ein Freund Francos, nämlich Val Lauren, selbst ein aufstrebender Schauspieler, soll die Al Pacino-Rolle spielen, aber nicht Pacino selbst, sondern eben den Undercover-Cop Steve Burns.

Nur, dass Lauren nicht nur heterosexuell ist, sondern sich auch um seine Karriere Sorgen macht. Schließlich soll es im Film expliziten Sex geben (ja, dann gibt es dann auch, und nicht wenig!), und als seriöser Schauspieler tut man das ja schließlich nicht. Und schwulen Sex schon gar nicht (wie es Franco in einer Szene, wohl dem Herzstück des Films, auch treffend benennt: „Tarantino metzelt im Kino Leute ab, und das ist vollkommen okay. Aber wehe, du zeigst schwulen Sex! Der böse schwule Sex!“). Womit sich Lauren in derselben Ausgangsposition wie Pacino damals befindet, dem auch von „Cruising“ abgeraten wurde. Lauren kämpft mit inneren und äußeren Dämonen, noch dazu, weil er eigentlich gar nicht weiß, was als Endprodukt eigentlich geplant ist. Seine Co-Stars wissen das auch nicht, Franco auch nicht. Egal. „Such dir einfach jemanden, mit dem du Spaß haben kannst“, rät Franco einmal einem der Darsteller mit durchaus dreckigen Grinsen. Und somit funktioniert „Interior. Leather Bar“ auf gleich mehreren Ebenen: Zum einen wird die Entstehung eines Films, der expliziten schwulen Sex beinhaltet, gezeigt, zum anderen ist er fast sowas wie ein Spielfilm, weil Val Lauren gleichzeitig er selbst ist, aber auch eine Rolle spielt. Es wird gezeigt, wie die Dreharbeiten zu „Crusing“ (fast sowas wie der Film-im-Film-im-Film) ausgesehen haben mögen, aber auch, wie wenig sich bis heute in Hollywood verändert hat. Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen, genauso wie Dokumentation und Fiktion.

Denn man kann sich nicht dem Eindruck entwehren (und soll es vermutlich auch gar nicht), dass viele sogenannte „reale“ Szenen inszeniert sind. Wenn Darsteller miteinander über die eigene Sexualität sprechen zum Beispiel oder wenn Val sich bei einem Telefongespräch seine Zweifel von der Seele spricht. Da kommt man sich dann als Zuseher sehr intelligent vor, glaubt, das Spiel von Franco und Matthews durchschaut zu haben, glaubt zu wissen, was man hier eigentlich vor sich hat. Und kaum fühlt man sich wie das größte Genie auf Erden, machen die Filmemacher einem sofort einen Strich durch die Rechnung, indem sie in just in diesem Moment die fiktionale Ebene dieser Szenen betonen (fast so, als könnten Franco und Matthews die Gedanken des Zusehers lesen). Da spricht Matthews plötzlich und völlig unerwartet aus dem Off, der Dialog der Darsteller solle sich doch bitte in eine bestimmte Richtung bewegen. Oder Lauren sitzt an einer kalten Mauer gelehnt und liest im Drehbuch, dass er an einer kalten Mauer gelehnt im Drehbuch liest, dass er an einer kalten Mauer … you get it. Und doch sind die Szenen, auch das wird klar gemacht, nicht vollkommen inszeniert, nicht gestellt. Was jedoch zur Gänze wahr ist und was nicht, das bleibt im Dunkeln.

Filmisches Sprengen sexueller Grenzen und Ängste

Die anderen Grenzen, die aufgehoben werden, sind jene der Sexualität und Ängste. Der Männlichkeit und der Geschlechterkonstruktionen im Allgemeinen (wenn wir gleich dabei sind, Franco macht schließlich keine halben Sachen!). Was heißt es, hetero- oder homosexuell zu sein? Ist man weniger Mann, wenn man Sex mit einem anderen Mann hat? Ab wann „ist man schwul“? Und erfordert es die Kunst, seine eigene (ohnehin fließende?) Sexualität, vielleicht sogar seine Moralvorstellungen hinten an zu stellen, will man ein wirklich großes Werk erschaffen? Oder ist Kunst nur dann echt, wenn man sich selbst treu bleibt? „Interior. Leather Bar“ wirft diese Fragen auf, beantwortet sie, manchmal nur teilweise, manchmal ganz oder manchmal werden sie auch nur gestreift. Damit provoziert der Film natürlich, will es auch, und positioniert sich abseits jeglicher Hollywood-Normen.

Franco nimmt im Film selbst an einer Stelle den mittlerweile leider vergewaltigten Terminus „Heteronormativität“ in den Mund. Und auch bei diesem Aspekt hebt sich der Film selbst auf mehrere, höhere Ebenen. Zum einen funktioniert er hier als Doku (Schauspieler entscheidet sich, an einem homoerotischen Filmprojekt teilzunehmen), andererseits ist Val Lauren in diesen Momenten aber auch Al Pacino als auch dessen „Cruising“-Alter Ego Steve Burns in einer Person. Ist also diegetische und Meta-Ebene in einem. Und irgendwie tut sich da auch eine nächste Ebene auf, nämlich eine, auf der Val Lauren nur eine Rolle namens Val Lauren spielt, ein Mann, der gezwungen wird, seine eigene Männlichkeit zu überdenken. Wenn Lauren in einer Szene mit seiner Ehefrau telefoniert und ihm in diesem Moment ein mit Testosteron vollgepumpter halbnackter Lederkerl entgegenkommt, dann legt sich über „Interior.Leather Bar“ noch eine zusätzliche Ebene, nämlich die eines gänzlich anderen, dafür prototypischen Spielfims, der nur angedeutet wird und der darum handelt, wie es ist, wenn ein Mann, der sich als heterosexuell bezeichnet, plötzlich die Erotik desselben Geschlechts entdeckt.

Puh.

James Franco dekonstruiert sich selbst

Und zum Schluss, da gibt es natürlich noch die James Franco-Grenzen, die er selbst mit augenscheinlicher Freude und Leidenschaft sprengt und dekonstruiert. Franco beweist in „Interior. Leather Bar“ Mut zur Antipathie. Er beeindruckt mit seiner Art des Denkens jenseits von Normen, bewegt sich aber auch auf der schmalen Grenze zur Aufdringlichkeit. Zu sehr will er seinen Intellekt beweisen. Warum er nicht im Projekt selbst als Schauspieler agiert, fragt man sich da manchmal. Faszinierend gleichzeitig aber auch, wenn Franco davon spricht, er habe gerade für einen Disney-Film („Die Fantastische Welt von Oz“) unterschrieben und sich dabei keine Mühe gibt, seinen eigenen Widerwillen für diesen Film zu verbergen. Er wolle einer sein, betont er, der in Disney-Filmen spielt, der aber auch Filme mit offen schwulem Sex inszeniert. Dabei bleibt Franco in „Interior. Leather Bar“ bewusst im Hintergrund, seine Hollywood-Persona hängt aber wie ein Damoklesschwert über das ganze Projekt. Francos Selbst-Inszenierung in diesem Film ist natürlich nicht dem Zufall überlassen. Er hat auch keine Angst davor, seine Faszination für Homosexualität zu zeigen, gebannt sieht er den Männern beim Sex zu. Und doch ist er nicht schwul. Wobei sich diese Frage ja eigentlich gar nicht stellt. Er denkt und lebt nicht in diesen Kategorien, weshalb James Franco eine der faszinierendsten Jungstars Hollywoods ist. Auch wenn er manchmal nervt. Er hat aber wenigstens die Eier, einen Film über Eier zu machen. Sozusagen. Vielleicht will Franco aber auch einfach nur schockieren. Wenn dabei sowas wie „Interior. Leather Bar“ herauskommt, ist daran nichts Falsches. Im Gegenteil.

Wem all das Metaphern-Ebene-Gequatsche auf die Nerven geht: Ja, „Interior. Leather Bar“ ist auch verdammt sexy.

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