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„Modern Family“ setzt die Tradition der Familien-Sitcoms fort. Statt erhobenem Zeigefinger gibt es nun den political correctness-Stinkefinger. Und Sofia Vergara.

Ich habe ja schon lange dem deutschen (und österreichischen) Fernsehen abgeschworen. Zumindest, was Serien betrifft. Weil ich die Senderpolitik einfach nicht verstehe. Anstatt auf neue, innovative Serien setzt man auf die x-te Wiederholung, die selbst die genialste Serie irgendwann einmal kaputt macht (Stichwort: „How I Met Your Mother“. Oder „Scrubs“. Oder „The Simpsons“. Oder …). Und wenn man sich neue Ware aus den Staaten holt, dann sind zwar immer wieder Glanzstücke dabei, aber auch viel, so viel, was man sich eigentlich hätte schenken können – nicht nur deshalb, weil’s schon im Mutterland nicht wirklich funktioniert hat. „Fairly Legal“ zum Beispiel. Oder „Mistresses“. Oder „Hart of Dixie“. Oder … Und wenn man mal erkannt hat, welche Glanzstücke dort drüben über dem Teich die TV-Landschaft regieren, gibt man ihnen im deutschen Sprachraum von Anfang an keine Chance, indem man sie durch unmögliche Sendezeiten oder dem kleinsten (Nischen-)Sender a priori einem großen Publikum entsagt. „House of Cards“ zum Beispiel. Oder „Glee“. Oder „Breaking Bad“. Oder „Mad Men“. Oder „Once upon a time“. Oder …

…. „Modern Family“.

Dass diese mehrfach ausgezeichnete Sitcom (insgesamt über 200 Nominierungen; davon 68mal gewonnen, u.a. 18 Emmys) am kleinen Kleinsender „RTL Nitro“ unterhalb der Wahrnehmungsgrenze läuft und nie auf einem der großen Sender seine Chance hatte, ist eines der größten Fauxpas der letzten Jahre des deutschsprachigen Fernsehens.

Das Erbe von „Full House“ & Co.

„Modern Family“ ist zurecht seit Jahren auf jeder Liste der „besten TV-Serien“ zu finden. Räumt zu Recht bei den wichtigsten Preisverleihungen ab. Weil „Modern Family“ einen Themenschwerpunkt setzt, der in Zeiten, in denen sich das V gegenseitig mit immer verrückteren, absurderen, grenzgängerischeren, grausligeren Serien-Ideen zu übertrumpfen versucht, fast altmodisch wirkt: denn in „Modern Family“ geht es um – Überraschung! – die Familie. Nicht mehr. Aber vor allem auch nicht weniger.

Damit steht „Modern Family“ ganz im Zeichen so erfolgreicher Sitcoms wie „Alle unter einem Dach“, „The Crosby-Show“, „Full House“, „Unser Lautes Heim“, „Der Prinz von Bel-Air“ oder „Eine Schrecklich nette Familie.“ Sitcoms, die in den 1980ern/1990ern ein Millionenpublikum weltweit begeisterten, indem sie nichts anderes machten, als den verrückten Alltag einer Großfamilie zu zeigen. Die hatte natürlich eine Menge schräger Charaktere, klar, es sollte ja lustig sein. Irgendwann verschwanden die Familien-Sitcoms mehr und mehr vom Bildschirm, weil…ja…weil man Familie nicht mehr so leicht definieren konnte wie „früher“. Familie war nicht mehr nur Blutsverwandtschaft, vielmehr suchte man sich ab den 1990ern, mit Aufkommen diverser Teen-Soaps wie „Beverly Hills, 90210“, mehr und mehr seine Familie im Freundeskreis. Seine soziale Familie. Was sich (bis heute) in Sitcoms wie „Friends“, „The Big Bang Theory“, „Seinfeld“, „How I Met Your Mother“ oder auch „The Nanny“ (fremde Person aus fremden Kulturkreis sprengt das konservative Familienbild) widerspiegelt. Mit „Two and a half men“ fing dann wieder langsam ein Gegentrend an, man besann sich wieder auf seine Wurzeln, stellte die „wirkliche“ Familie wieder in den Mittelpunkt. Und dieser Gegentrend gipfelte 2009 in „Modern Family“.

Abbild der Gesellschaft

Aber natürlich, Familien-Sitcoms müssen mit der Zeit gehen. Müssen die Veränderungen im gesellschaftlichen Familien-Konstrukt wiederspiegeln. Und das tut „Modern Family“ per excellence: Hier gibt’s neben der „klassischen“ (für gegenwärtige Verhältnisse) Großfamilie Mutter-Vater-3 Kinder die Patchwork-Familie, die aus einem schwulen Pärchen und einem adoptierten Kind aus Vietnam besteht. Und einer zweiten Patchwork-Familie, die sich aus dem grantelnden alten Ehemann, seiner um dreißig Jahre jüngeren Ehefrau aus Kolumbien und ihrem in die Ehe mitgebrachten Teenager-Sohn zusammensetzt. Und, jetzt wird’s noch lustiger, all diese „modernen“ Familienkonstellationen verbinden sich zu einer einzigen, ganz großen Großfamilie: denn alle drei Familien sind miteinander verwandt. Eine „Modern Family“ eben. Und ein gelungenes Abbild unserer Gesellschaft.

Mockumentary

Irgendwie, dachten sich die „Modern Family“-Kreativköpfe wohl, müssen wir uns aber noch mehr von all den alten Familien-Sitcoms abheben, müssen tatsächlich modern wirken, nein: modern SEIN, schließlich heißen wir ja auch so. Also übernahm „Modern Family“ den Mockumentary-Stil von „The Office“ und schafft es so, auch im mittlerweile fünften Jahr immer noch genauso so frisch, aufregend und humorvoll wie zu Beginn zu sein.

„Mockumentary“ bezeichnet einen Mix aus „Fiction“ und „Documentary“, vereint also so zwei scheinbare Gegensätze, die zwei weit entfernten Enden des narrativen Geschichten-Erzählens. Wie das geht? Eine unsichtbare Kamera-Crew begleitet die Familien in ihrem Alltag, filmt sie rund um die Uhr. Wer diese Crew ist, wird nicht nur NICHT thematisiert, sondern ist auch für die Story vollkommen unerheblich. Nicht aber für die Art des Erzählens: Durch Interviews mit den Figuren, die immer wieder die eigentliche Story unterbrechen, und die verzweifelten oder peinlichen Blicke der Figuren direkt in die Kameras lockern das oftmals ermüdende Sitcom-Prinzip mit den eingespielten Lachern auf willkommene Art und Weise auf. Vor allem aber wird so die vierte Wand durchbrochen, wir Zuseher sind plötzlich mitten im Geschehen anstatt nur dabei. Wir fühlen uns zu den Figuren noch mehr verbunden. Noch mehr, als wir es eh schon tun. Denn „Modern Family“ präsentiert die sympathischste TV-Familie seit langem.

Ein Cast zum Liebhaben

Cameron, Mitchell, Claire, Gloria – sie und der Rest der modernen Chuzpe bewegen sich alle auf der hauchdünnen Linie zwischen Innovativ und Klischees, zwischen Neuem und Altbekanntem. Ja, Claire ist die kontrollierende Mutter, ohne der nix läuft. Jay ist das immer mies gelaunte Familienoberhaupt. Cameron und Mitchell könnten dem schwulen Klischee-Regelbuch entsprungen sein. Ja, Gloria ist die stereotypische Vollweib-Kolumbianerin mit großem Dekolleté, großem Stimmorgan und noch größerem Herz (herrlich in Szene gesetzt von Ausnahme-Talent Sofia Vergara, nicht ohne Grund bestverdienendster TV-Star 2013!).

Und doch hat man sie alle lieb, nicht nur irgendwie, sondern so wirklich. Man schließt sie in sein Herz, jedes einzelne Familienmitglied, trotz oder gerade wegen all der Macken und Verrücktheiten. Genau darauf setzt die Serie: Die Autoren versuchen gar nicht erst, wie in den letzten Jahren zum Trend geworden, die Charaktere unsympathisch oder ambivalent zu zeichnen. Man soll sie gern haben, jeden einzelnen. Und das hat man auch. Problemlos. Was natürlich auch mit dem hervorragenden Cast zu tun hat: Neben Vergara, die einfach nur zum Niederknien ist, überzeugen Ed O’Neill (ja, genau: Al Bundy!) genauso wie Ty Burell, Eric Stonestreet, Jesse Tyler Ferguson oder Julie Bowen. Also eh alle. Und das ist auch gut so: Denn „Modern Family“ ist eine Ensemble-Serie, die vom gesamten Cast und nicht nur einem einzelnen Gesicht getragen wird.

Bowen, Vergara und Co. verleihen ihren Figuren Ecken und Kanten, welche somit nicht zu einem langweiligen Abbild ihrer Selbst verkommen. Sie haben sogar so sehr Ecken und Kanten, dass der moralische Zeigefinger in den (immer streng in sich abgeschlossenen, aber mit jeder Menge Inside-Serien-Jokes durchzogenen) Episoden nicht nur fehlt, sondern sich oftmals sogar als political correctness-Stinkefinger präsentiert. Bei der „Crosby-Show“ wäre das nicht möglich gewesen. Die Zeiten haben sich eben verändert.

Lily is Evil

Sehr ähnlich ist „Modern Family“ seinen Vorgängern dafür in Sachen Kinder-Charakteren. Werden die Kleinsten in Serien oftmals gern zur Seite geschoben, weil sie spannenden Storywendungen dann doch nur im Weg stehen, sind sie in „Modern Family“ essenzieller Teil einer jeden Episode. Und, DANKE!, von den Darstellern auch toll gespielt und interpretiert. Denn, ich traue mich das jetzt einfach zu sagen, ich hasse nichts mehr in Serien als schlechte Kinder-Darsteller. Und, das traue ich mich jetzt auch zu sagen, davon gibt es leider sehr, sehr, sehr viel. „Modern Family“ aber nimmt die Kleinsten genauso ernst wie die Großen, und das macht einen nicht unerheblichen Teil des Charmes der Serie aus.

Und ich kann einfach nicht anders, als an dieser Stelle die Rolle der Lily zu erwähnen, grenzgenial (ab der dritten Staffel) dargestellt von Aubrey Anderson-Emmons. Die Sechsjährige hat die besten One-Liner in der Serie, spielt den Cast als zickige Mini-Diva und Adoptivtochter des schwulen Ehepaars Cameron und Mitchell mühelos an die Wand und bekommt vor allem in der vierten Staffel sogar ihre eigene Storylines. Was für „Full House“ damals die Olsen-Twins waren, ist Anderson-Emmons für „Modern Family“. Jede Familien-Sitcom braucht seinen süßen Kinderstar, der so vollkommen politisch unkorrrekte Dinge sagen darf, weil er einfach so vollkommen süß ist.

Und wenn Lily vom tollpatschigen Vater in den Pool geschmissen oder vom Stuhl geboxt wird (ist nur lustig, wenn man es selbst sieht!), wenn sie überzeugt „I’m gay!“ oder „Fuck!“ ruft oder der durchgeknallten Familien-Freundin ordentlich Kontra gibt, dann weiß man: Man ist nicht mehr bei der Tanner-Family zu Besuch und schon gar nicht bei den Crosbys. Man ist im 21. Jahrhundert angelangt. Bei der modernen Familie.

Die Konstante, die Sicherheit verleiht

Ich selbst bin aktuell bei der vierten Season von „Modern Family“ angelangt und stehe kurz vorm Staffelfinale. In nur wenigen Tagen hatte ich die Season durch, nie wurde mir langweilig, oft habe ich wirklich herzhaft gelacht (und ich bin jemand, der höchstens schmunzelt, wenn er im TV etwas witzig findet). Da war aber noch was, irgendwas, was mich derart in den Bann zog und wieso ich mich beim Schauen der Serie so geborgen fühlte. Also überlegte ich. Und plötzlich wusste ich es: Bei „Modern Family“, da verändert sich nie etwas. Es gibt keine Scheidungen, keine Affären, keine Todesfälle, keine Umzüge. Auch im vierten (und ich nehme an, auch fünften) Jahr bleibt die Serie ihrem Grundton und vor allem ihrer Grundkonstellation treu. Leser meines Blogs wissen: Ich liebe „HIMYM“ und ich liebe, wenn Serien ihre ausgetretenen Pfade verlassen únd sich weiterentwickeln. Nicht vor Veränderungen zurückschrecken.

Und doch ist es manchmal angenehm, ja tröstend, in eine Welt einzutauchen, die vor großen Umbrüchen gefeit zu sein scheint. In der die Familie zwar wächst, sich im Grunde aber niemals verändert. In der Familie genau das ist, was sie auch sein sollte: Eine Konstante, auf die man sich verlassen kann. Und wenn es sich nur um einen herzhaften Lacher handelt.

Modern-Family

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