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Lady Gaga wird’s derzeit ganz schön wurmen. Was hat die Gute nicht Promo gemacht für ihr an allen Enden sehr enttäuschendes Album „Artpop“ gemacht, was hat sie sich nicht für spektakuläre Aktionen (wie die Enthüllung einer Gaga-Skulptur) einfallen lassen, um den Hype um ihre Person noch mehr zu schüren. Genützt hat das alles nichts, die Verkaufszahlen von „Artpop“ blieben hinter den Erwartungen zurück (ja, wenn’s ka guate Musi is, dann bringt halt alles nix!). Und das mit der Artpop-App, das interessiert irgendwie auch keinen so richtig, weil es sich um nicht mehr als eine nette Feierabendspielerei für die „Little Monsters“ handelt.

Und dann kommt Beyonce. Veröffentlicht via iTunes in der Nacht vom 12. auf den 13. Dezember einfach so ein neues Album. Ein „visuelles Album“ sogar, denn zu jedem Song gibt es ein eigenes Musikvideo, an Plätzen wie Paris, Rio De Janeiro, New York und Sydney während ihrer „Mrs. Carter World Tournee“ gedreht (wann schläft die Frau denn eigentlich?!). Von dem Album wusste vorher wirklich keiner, eine schöne Weihnachtsüberraschung also. Und erklimmt prompt, ganz problemlos, die Spitze der iTunes-Charts. Nicht nur das: Kritiker und Fans überschlagen sich vor Begeisterung, die Style-Fibel „Vogue“ titelt sogar: „Beyonce makes music history.“

Lehnt sich da selbst die renommierte „Vogue“ nicht etwa zu sehr aus dem Fenster?

Die Pop-Kirche im Dorf lassen

Verfolgte man Beyonces Karriere dieses Jahr, kommt ein neues Album streng genommen doch nicht gar so überraschend. Bei Obamas zweiter Amtseinführung hat sie gesungen, beim Super Bowl wurde ihr Auftritt (und die Mini-Reunion mit Kelly Rowland und Michelle Willams) umjubelt. Ihre Welttournee stieß ebenso auf Begeisterung, ihre Kuba-Reise allerdings weniger. Ach ja, einen eigenen TV-Dokumentarfilm (über sie selbst natürlich) brachte sie auch noch heraus. Da wäre es eher überraschend gewesen, wenn ein Profi wie Beyonce dieses Aufmerksamkeitspotenzial nicht für ein eigenes Album nützen würde.

Ohne Beyonce den gelungenen Überraschungseffekt absprechen zu wollen (nicht, dass sie dann auch noch ang’fressen ist auf mich!), so ganz neu ist die Idee einer überraschenden Veröffentlichung eines Albums nicht. Schon David Bowie meldete sich ohne Vorankündigung zu Beginn des Jahres mit seinem Comeback-Album „The Next Day“ vollkommen überraschend zurück. Überhaupt scheint es einen immer stärker werdenden Gegentrend im Musikbiz zu geben: auch Daft Punk und Arcade Fire setzten heuer vor der Veröffentlichung ihrer erfolgreichen Alben auf Zurückhaltung anstatt auf lautstarke Selbstbeweihräucherung, die die Neugier natürlich umso mehr anstachelte. Man vertraut, in Zeiten von Social Media, eher auf Mundpropaganda als auf teure Promotion, der auch sehr schnell ein Übersättigungseffekt anhaften kann, Lady Gaga hat’s gezeigt. Dass das natürlich nicht immer funktioniert, sieht man unter anderem am Beispiel Christina Aguilera: Die Sängerin veröffentlichte Ende 2012 ihr fünftes  Studioalbum, promotete dieses vergleichsweise sehr bescheiden – mit der Folge, dass sich so gut wie keiner für die neuen musikalischen Ergüsse von La Aguilera interessierte.

Von der Power erschlagen

Aber wieder zurück zu Beyonce. All die dem selbstbetitelten Album beigefügten Musikclips sind auf Hochglanz poliert und präsentieren, wie gewohnt, die verschiedenen Seiten des Superstars: da gibt es die Bling Bling-Gattin von Jay Z, die Gesellschaftskritikerin, die melancholische Dame, die fürsorgliche Mutter, die Partytigerin, die Mut machende Freundin von nebenan, der Sextraum aller Jungs, das feministische Vorbild aller Mädels. Immer top gestylt, immer wunderschön, immer atemberaubend. Natürlich.

Und, doch: Vor allem Beyonce-Fans werden an „Beyonce“ ihre Freude haben. Beim vollgepackten Album stellt sich, vor allem bei den Videos, sehr schnell Ermüdung ein, die Perfektion scheint einem zu zu erschlagen. Fast möchte man der Überfrau Beyonce raten, mal ein bisschen auf die Bremse zu treten. Und die Songs selbst? Auch die mögen nicht vollkommen zu überzeugen. Zu glatt, manchmal beinahe zu seelenlos kommen sie daher. Es fehlt der Kick, das gewisse Etwas. „Beyonce“ ist ähnlich sperrig wie sein Vorgänger „4“. Das muss nicht unbedingt etwas Schlechtes sein. Man muss es halt mögen. Sich darauf einlassen. Und gerade letzteres fällt ob der geballten Beyonce-Power, die einen da sowohl akustisch, als auch visuell entgegen schlägt, gar nicht so einfach.

Eines muss man aber Beyonce Knowles lassen: Kommt die Kreativität, die Innovation bei Lady Gaga (Beyonces derzeit wohl größter Konkurrentin) zum Großteil sehr erzwungen daher, scheint Beyonce ihre Wandlungsfähigkeit so ganz ohne Anstrengung aus dem hübschen Ärmel schütteln. Das haben wir schon vor langer Zeit erkannt. Weshalb die Gute nun auch wieder etwas langsamer machen darf.

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