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In den Sozialen Netzwerken geistern aktuell Bilder von sich küssenden Männern herum. Das wäre noch nichts Ungewöhnliches. Aber: man sieht hier Herbert Grönemeyer, der August Diehl küsst. Die Bandkollegen von Revolverheld, die sichtlich die Nähe des Anderen genießen. Thomas D, der seine Lippen an Moses Pelham drückt. Ken Duken und Kostja Ullmann, die sich mit Leidenschaft in den Armen liegen.

Was? Wie? Wo?

Ach so.

Gentlemen gegen Homophobie

„Intoleranz ist keine Geisteshaltung. Erst recht nicht für Gentlemen.“

Mit diesen starken Worten beginnt GQ Deutschland ihr aktuelles Editorial. „Die Medien“, das schreibt die GQ Redaktion auch gleich zu Beginn, hätten es ja leichter, besonders, wenn man ein „Lifestylemagazin“ sei. Da sei man von vornherein offener, sagt zumindest die GQ. Jedes Naturell werde hier gewürdigt, jede Meinung, eben jeder Lifestyle werde ernstgenommen. Bei den „Medien“. Aber nicht in der Gesellschaft. Sagt GQ. Und redet über Homophobie, die aktuell erneut erschreckende Ausmaße angenommen hat, man denke allen voran an Russland und den dortigen menschenverachtenden Homophobie-Getzen. Das gehe gar nicht, meint GQ richtigerweise. Und startete eine landesweite Kampagne mit den klingenden und zweideutigen Namen „Mundpropaganda“. Das Konzept ist genauso simpel wie genial: Deutsche prominente Herren küssen sich, mit Leidenschaft, mit Erotik, ohne Berührungsängste, ohne Hemmungen. Aber mit viel Männlichkeit. Und verweisen damit, so erklärt es GQ selbst, auf die immer noch vorherrschende Homophobie in unserer Gesellschaft. Die Message: „Jeder von uns kann schwul sein – na und?!“ Die GQ-Redaktion fasst es sogar noch treffender in Worte: „Unser Magazin war immer – und wird es weiter sein – ein Medium, das Ihnen sagt, was Sie tragen können. Mit dieser Aktion wollten wir Ihnen einmal sagen, was wir nicht mehr ertragen können: Ausgrenzung und Diskriminierung.“

„Er hat wunderbare Lippen“

GQ will mit dieser Aktion Aufmerksamkeit erregen, und das ist gelungen. Facebook und Twitter überschlagen sich mit lobenden Statusmeldungen bzw. Tweets, Nachrichtenportale posten begeistert die knisternden Fotos. Schön, dass tatsächlich die Message der Aktion bei den (meisten) Berichterstattungen im Mittelpunkt steht; dass insbesondere auf Sotschi und die harten Anti-Homosexuellen-Gesetze hingewiesen wird. Auch wenn natürlich der Sensationsfaktor, dass ein Grönemayer einen Mann küsst oder zwei Olympiasieger die Lippen aneinanderpressen (hello, Tom Daley!), nicht ausgespart wird.

Und doch: GQ hat es geschafft, zum Nachdenken anzuregen. „Ich glaube schon, dass sich die Gesellschaft verändern kann“, betont Dokter Renz von Fettes Brot im Making-Of-Video. Die von Felix Krüger inszenierte Fotokampagne will für mehr Toleranz kämpfen. Dabei geht sie einen Weg, der im Kampf für die Gleichstellung Homosexueller immer mehr an Bedeutung zu gewinnen scheint und spätestens seit Tom Daleys Outing in die breite Öffentlichkeit getragen wurde: Immer weniger unterscheidet man zwischen den Kategorien homo- und heterosexuell, immer weniger prangert man die Unterschiede der Sexualitäten an. Immer weniger möchte man sich kategorisieren und sich (und andere) damit Zwängen unterwerfen. Hier tauschen zwei Männer Zärtlichkeiten aus (und tun dies im Fall der „Revolverhelden“ Johannes Strate und Jakob Sinn auch mit vollem Körpereinsatz und Leidenschaft – WOW!), ohne sich Gedanken zu machen, „schwul“ oder „hetero“ zu sein. Zu wirken. Sie tun dies mit einer entwaffnenden Selbstverständlichkeit (oder zumindest will Krüger uns das glauben machen), dass man dem Ganzen wenig entgegensetzen kann. „Er hat wunderbare Lippen, er küsst sich sehr gut“, streut Grönemeyer Diehl lächelnd Rosen. „Er hat eine sehr schöne Körperwärme. Hat Spaß gemacht. War schön.“ Der einzige, der hier rote Wangen bekommt, ist Diehl. Weil er so gelobt wird. Das ist, neben der gesellschaftspolitischen Message, auch vor allem eins: einfach nur süß.

Wir sind nicht nur alle gleich, wir sind auch alle, wie es GQ ausdrückt, Gentlemen. Und für Gentlemen, für Männer von Welt, schickt es sich eben so gar nicht, mit einem Tunnelblick durchs Leben zu gehen und die Gesellschaft mit Intoleranz zu vergiften.

Selbst Gentlemen können’s nicht lassen

Dass eine Aktion wie „Mundpropaganda“, die wohl nicht nur Homophobie in der Gesellschaft, sondern vor allem speziell unter Männern bekämpfen möchte, sehr wohl vonnöten ist, zeigt interessanterweise die Aktion selbst: Während sich Grönemeyer, Strate, Thomas D und Co. vor der Kamera locker und selbstsicher geben, kommt Julius Brink nicht umhin, zu betonen, dass er doch lieber seine Frau küsst als Kollegen Jonas Reckermann. Und im „Spiegel“-Interview gab auch Reckermann zu, dass ihm der Shoot nicht ganz so leicht fiel. Natürlich, beide stehen hinter der Aktion, hinter der Message. Etwas anderes möchte ich den Herren auch gar nicht unterstellen. Aber trotzdem, da kommt es dann wieder durch, das Hervorkehren, das Betonen der eigenen Heterosexualität. Nicht, dass da Menschen auf falsche Gedanken kommen könnten. Das wäre ja schlimm.

Es sind also selbst die Gentlemen unter uns noch nicht dort angekommen, wo sie selbst irgendwann mal hinwollen.

(c) Felix Krüger GQ Deutschland (c) Felix Krüger GQ Deutschland

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