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Als erstes: Rest in Peace, Paul Walker. Ehrlich.

Als zweites, weil bereits wieder Stimmen in Social Networks laut werden: Ja, es ist mir bewusst, dass es etwas Perverses hat, wenn um einen Schauspieler oder Sänger – einen „Star“ -, den man gar nicht persönlich kennt, mehr getrauert wird als um all die Millionen Menschen, die tagtäglich in Afrika an Hunger, Krankheiten oder in Kriegen sterben. Die erregen nicht so viel Aufsehen wie ein Paul Walker, der mit Karacho gegen einen Baum rast und so sein Leben lässt. Und auch, wenn ich es nicht entschuldigen will (der Star-Kult in unserer Gesellschaft ist doch mehr als nur ein bisschen befremdlich, wenn man genau drüber nachdenkt), so ist dieses Verhalten irgendwie, irgendwo doch nachvollziehbar.

Weil man Schauspieler wie Paul Walker, Brittany Murphy oder Heath Ledger bereits so oft, für einige Stunden, in sein Wohnzimmer gelassen hat und sie so ent-anonymisiert hat. Weil sie wie entfernte Freunde waren, die man glaubte zu kennen, da man sie doch in so vielen (scheinbar) intimen Momenten erlebt hat. Weil man sie sich immer wieder geholt hat, sie reingelassen hat in sein Leben, wenn man über bestimmte Dinge nachdenken wollte – oder im Gegenteil, wenn man eben einmal nicht denken wollte und Zerstreuung suchte. Und das ist vielleicht der größte Grund, wieso uns der Tod von Paul Walker & Co. schockiert: Weil wir mit diesen Menschen auf Abenteuerreisen gingen, ja mehr noch: weil sie uns auf ihre Abenteuerreise einluden und uns mitnahmen. Uns in fremde Welten entführten. Und wenn diese Person plötzlich tot ist, hat man für kurze Zeit das Gefühl, dass auch diese Abenteuer für uns für immer gestorben sind.

Und, natürlich, das brauchen wir auch nicht schönzureden: Über einen Autounfall eines US-amerikanischen Schauspielers lässt es sich annehmbarer schockiert sein als über das Massensterben in der Dritten Welt. Gegen ersteres können wir nichts ausrichten, wir können also ohne schlechtes Gewissen trauern. Bei den Menschen in der Dritten Welt, die wir – let’s face it – bewusst verhungern und sterben lassen, lässt sich das Gewissen nicht so einfach wegklicken. Wir können trauern, wissen aber gleichzeitig, dass wir mitschuld an der Misere sind. Also senken wir lieber den Blick und verschließen bewusst die Augen. Diese Menschen sind für uns anonyme Gesichter, sind anonyme Geschichten. Traurig? Natürlich. Beschämend? Auf jeden Fall. Aber wohl auch ein bisserl Wahrheit.

Ein anderer Grund, wieso über Paul Walker mehr getwittert und ge-facebooked wird wie über die Dritte Welt, ist – es liegt ja fast auf der Hand – sein berühmtes Gesicht. Das Schicksal – in diesem Fall der Unfall – bekommt ein Gesicht, das uns bekannt, vertraut und (meistens) sympathisch ist. Vor allem aber sind Todesfälle von Stars – seien es Autounfälle, Überdosis oder tödliche Krankheiten – unserer Lebensrealität um einiges näher als der Welthunger, Kriege oder eine mangelnde medizinische Versorgung.  Im Gegensatz zum (beispielsweise) Tod wegen Verhungern kann es auch in unserem Alltag passieren, dass ein lieber Mensch uns von einer Sekunde auf die andere entrissen wird, wenn er ins Auto steigt. „Ja, so schnell kann’s gehen“ meint eine Freundin, als sie über den Tod Walkers nachdenkt. Und denkt in diesem Moment wohl weniger an den Schauspieler, sondern vielmehr an die Zerbrechlichkeit unseres Lebens, der Vergänglichkeit des Mensch-Seins. Durch Paul Walker hat dieser erschreckende Gedanke erneut ein Gesicht bekommen.

Dass ein Schauspieler, der seinen Weltruhm Autorennen-Filme zu verdanken hat, bei einem Autounfall, der durch Rasen verschuldigt wurde, sein Leben lassen muss, ist natürlich dramatische Ironie. Eine Ironie, die uns erneut auf perverse Weise fasziniert und in seinen Bann zieht. Nein, natürlich möchte man das nicht laut sagen. Ein böser Gedanke. Aber immerhin noch besser als jener an all die Tausenden von Kindern, die in diesen Minuten in den Armen ihrer Mütter sterben, weil sie nichts zu essen haben.

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