Schlagwörter

, , , , , , , ,

Zugegeben, beim Titel der neuen Robbie Williams-Scheibe „Swings both ways“ denkt man als erstes nicht an Musik und harmonische Duette. Ist der Williams Robbie also doch auch Männern zugetan, geht einem da spontan durch den Kopf. Schließlich ein Image, mit dem er seit Jahren gekonnt spielt und somit seine schwule Fanbase an der Stange hält. Soweit hergeholt ist die Titel-Assoziation aber dann doch nicht, Williams selbst schließlich stellte kürzlich in einem Interview mit dem australischen DAILY TELEGRAPH dann doch klipp und klar da, er sei bloß „ein heterosexueller Mann, der vorgibt, schwul zu sein. Im Gegensatz zu all den schwulen Männern, die vorgeben, hetero zu sein.“ Alles klar, hätten wir das auch geklärt.

Wem Mr. Williams‘ sexuelle (Nicht-)Orientierung dann doch nicht so brennend interessiert, der assoziiert mit dem Albumtitel etwas gänzlich anderes: nämlich, dass Robbie Williams, der einst exzentrische Popstar mit dem Hang, seinen nackten Hintern zu zeigen, auch anders kann. Heißt: beinahe mühelos in das Swing-Zeitalter eintauchen, den mondänen Bühnen-Unterhalter im Stil von Frank Sinatra und Dean Martin geben und nebenbei auch wirklich, wirklich, sehr dem Ohr schmeichelnde Songs aufnehmen. Dass er darin gut ist, hat er bereits 2011 mit seiner Swing-CD „Swing When Your’re Winning“ bewiesen (die unter Popstars einen wahren Swing-Hype inkl. Big Bands auslöste). Aber nach all den eher enttäuschenden Electro-Pop-Söngchen und der Reunion mit den Ex-Kollegen von Take That (die Williams‘ Glaubwürdigkeit rapide sinken ließ) in den letzten Jahren ist es schön zu wissen, dass Williams es tatsächlich immer noch draufhat. Die alte Entertainment-Schule nämlich.

Robbie und seine swingenden Freunde

Am Cover präsentiert sich Williams als cooler James Bond, auch der weitere stilistische Dresscode von „Swing both ways“ ist klar: bombastisch arrangierter, dezent poppiger Swing in Abendgarderobe. Irgendwo zwischen vornehmer Bond-Britishness, verqualmter Las Vegas-Kasino-Atmosphäre und entspanntem Late-Night-Show-Feeling. Zur Unterstützung – und das tut er nicht allzu oft – hat sich Williams KollegInnen ins Boot geholt, deren Stimmen die seine umschmeicheln und nur allzu perfekt in die Swing-Schiene passen: Olly Murs zum Beispiel, Kelly Clarkson, Lily Allen und natürlich auch Rufus Wainwright und Michael Bublé. „Williams and Friends“ könnte das Album also fast schon heißen, so reich ist die Scheibe an Duetten, und so mühelos singen und swingen sich die Künstler von Song zu Song. Das geht ins Ohr, schmeichelt sogar manches Mal der Seele und tut keinesfalls weh. Und, natürlich: schön weihnachtlich ist das Ganze, klar, Williams weiß schließlich, wie man Alben verkauft. Egal, ob als Shopping-Hintergrundmusik in Einkaufszentren oder unterm Christbaum: dem Robbie (und seinen Freunden) wird man dieses Jahr gerne zuhören.

Liebevolle Verneigung …

„Dieses neue Album soll eine Verneigung, ein liebevoller Blick auf eine Ära sein, an der ich leider nicht teilnehmen konnte, weil ich einfach noch nicht auf der Welt war“, sagt Williams über seine neue Platte. „Ich fühle mich sehr stark mit dieser Zeit verbunden.” Das hört man auf der ersten (und im Grunde gar nicht so swingigen) Singleauskopplung „Go Gentle“, bei den Coverversionen „Dream a little dream“, „Snowblind“ und „Puttin On The Ritz“, bei den neuen Kompositionen wie „Swings Both Ways“ (und hier spielt Williams dann auch tatsächlich mit seinem Gay-Image) oder „Shine My Shoes“ als auch beim Williams-Swing-Remake „Swing Surpreme“. Dass er doch nicht so ganz aus seiner exzentrischen Popstars-Haut raus kann, sieht man dann aber an Songs wie dem vor Ironie triefenden Album-Abschluss-Song „No One Likes A Fat Pop Star“ oder den in allen Maßen übertriebenen (und nervigen) Songs „I wanna be like you“ und „Soda Pop“. Fast hat man den Eindruck, der Robbie hätte das Album nur aus reinstem Spaß und Liebe zur Sinatra-Ära gemacht.

…. und knallharte Karrieretaktik

Naiv, natürlich, das zu glauben. Denn hinter all dem „Ich verehre die Rat Pack-Ära“-Gequatsche steckt knallharte Karrieretaktik. Denn Robbie Williams, mittlerweile immerhin auch bereits 39 Jahre alt, gehört nicht zu jenen Popstars, die die modernen Teenager vom Hocker reißen. Songs wie „Rock DJ“, „Feel“, „Let me entertain you“ oder „Angels“, mit denen Williams seine Karrierehöhepunkte feierte, begeistern die Generation 25 Plus, nicht aber 16-jährige kreischende Mädels. Es sind die Damen (und auch Herren) im besten Alter, die begeistert von ihren Stühlen hüpfen, wenn der Williams vor ihnen auf der Bühne seine typische Robbie-Show abzieht. Er ist ihr Justin Bieber.p

Und diese Damen beeindruckt man am besten mit reifer Musik sowie dem offenen Präsentieren des eigenen Älter-Werdens (inklusive grauer Haarsträhne!). Den auf der Bühne herumhüpfenden Popstar mit kunterbunten Popliedchen würde man Williams wahrscheinlich zwar noch abnehmen, seriös wäre aber etwas Anderes. Und auch, wenn „Swings Both Ways“ nicht mehr die dichte Atmosphäre von „Swing When You’re Winning“ aufweist, so hat Robbie Williams mit diesem Album doch bewiesen, dass er weiß, wann es Zeit ist, nicht mehr mit den Jungspunden des Musikbiz zu konkurrieren. Da könnten sich einige KollegInnen noch etwas Abschauen. Beim Robbie, dem ehemaligen Enfant terrible der Popmusik.

2424287_1_20130916103402_518090625

Advertisements