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Der Höllenritt von Walter White, dem Chemie-Lehrer, der zum brutalen Drogenboss wird, ist zu Ende. Vor wenigen Wochen flimmerte die allerletzte Folge von „Breaking Bad“ über den Bildschirm. Eine Analyse des Todes.

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Es war das am sehnlichst erwartete Serienfinale der letzten Jahre, der ohnehin schon bemerkenswert große mediale Hype stieg in ungeahnte Höhen: der letzten Folge von „Breaking Bad“ sahen sensationelle 10,3 Millionen US-Amerikaner zu, ein Quotenrekord für ein Format, dessen erste Folge nur von mageren 1,4 Millionen Zuschauern verfolgt wurde. Schon Wochen zuvor ließen Journalisten auf aller Welt Vermutungen vom Stapel, wie die mehrfach preisgekrönte (u.a. Emmys, Golden Globes, Screen Actors Guilt Awards) Dramaserie rund um Nobody-turns-Public Enemy Walter White enden würde. Auch die Redakteure der Branchenfibel „Entertainment Weekly“ ließen sich zu öffentlichen Ratespielen hinreißen. Einige von ihnen lagen sogar erstaunlich richtig.

Der einzige Ausweg

Wie also hat die „Breaking Bad“-Geschichte, die uns fünf Jahre mit einem beispiellosen Mix aus Dramatik, Humor, Subtilität, Mut, Symbolhaftigkeit, perfekter Kameraführung, dichte Bildsprache, düstere Atmosphäre und einem perfekt spielenden Cast (jede der Nebenfiguren würde eine eigene Serie verdienen!) in Atem hielt, nun geendet? Hat Serienchef Vince Gilligian ähnlich wie die Autoren von „Dexter“ im letzten Moment den Schwanz eingezogen und ein Finale abgeliefert, das sich erschreckend an den Mainstream-Sehergewohnheiten der Zuschauer anpasst?

Natürlich nicht. Dafür war „Breaking Bad“ seit Folge Eins mutiger, als es „Dexter“ jemals war. Wenn eine Serie innerhalb einer Staffel zwei Kinder kaltblütig sterben lässt (etwas, das selbst Serien, die sich gerne als „grenzüberschreitend“ bezeichnen, stets tunlichst vermeiden), dann darf man auch mit Recht auf ein Finale mit Knalleffekt hoffen. Dass Walt alias Heisenberg das Finale nicht überleben wird, daran bestand im Grunde genommen seit Folge Eins kein Zweifel. Immer schneller, immer wilder drehte sich seitdem das Roulette auf dem Weg zur Hölle, das Lichtblicke immer kleiner werden ließ, dafür der Dunkelheit mit offenen Armen Eintritt gewährte. Nach alledem, was passierte und allen voran nach all den Taten, die Walter White verübte, war es unausweichlich, dass die Gier, der Machthunger, die Adrenalin-Sucht, das immer größer werdende Ego den Protagonisten in den Abgrund reißen würde.

So wurde am konsequent Ende auch der Kreis geschlossen: Die sich näherenden Polizeisirenen, die der sterbende Walter White gerade so noch hören kann, erinnern frappant an jene Sirenen, vor denen Walt hochschreckt, kurz nachdem er sein eigenes Testament unterschrieb – in der allerersten Folge der Serie. Sogar die Kleidung von White ist dieselbe. Das Ende des Protagonisten war also von Beginn an besiegelt, all die Auswege aus der Hölle wurden seitdem konsequent verpasst. Schon der Titel  der Serie sagt: Nichts da mit Happy End und happliy ever after! Gilligan und der Kabelsender AMC präsentierten uns einen faszinierenden Werdegang einer Figur, die von Beginn an sprichwörtlich dem Tod geweiht war.

Es hat sich gelohnt

Apropos: Auch in den Folgen vor dem Finale entging White bzw. eher sein Alter Ego Heisenberg so oft dem Tode, dass man sich bis zum Schluss doch nicht mehr ganz so sicher war, ob er tatsächlich das Zeitliche segnen würde. Und wenn man dem Sensenmann so oft mit so viel Kongenialität ein Schnippchen schlägt, dann kommt der tatsächliche Tod freilich und unausweichlich auch etwas anti-klimaktisch daher. White stirbt (noch dazu ziemlich unaufgeregt), nachdem er seine letzten großen Gegner mit einem (Action-)Paukenschlag alle auf einen Schlag ins Jenseits beförderte? Seufz.

Aber auch bei Walter Whites Tod kommt die Vielschichtigkeit, die symbolische Ebene ins Spiel, die die Serie zu so etwas Besonderem machte: White stirbt, wie man uns naiven Zusehern glauben machen wollte, nicht am Krebs, sondern durch einen beinahe unbemerkt bleibenden Querschläger seiner eigenen Waffe. Nicht all die Drogenbosse, die eiskalten Geschäftsfrauen, die Junkies brachten Heisenberg zum Schluss zur Strecke, sondern er sich selbst. Er selbst war immer schon sein größter Feind. Somit hat sich Walt eigentlich doch noch selbst getötet – etwas, zudem ihm immer der Mut, aber auch das letzte Fünkchen an Gefühl der Ausweglosigkeit fehlte (zudem ihm aber nicht zuletzt Jesse kurz vor seinem Tod, sondern auch Walts Familienmitglieder voller Ekel immer wieder rieten).

Zudem wird uns am Ende weder Walter White noch Heisenberg präsentiert, sondern eine faszinierende Mischung (auch dank des veränderten Erscheinungsbildes des wie immer großartig aufspielenden Bryan Cranston) aus beiden Figuren. Walt kann die beiden Personas nicht mehr trennen, sie sind zu einer geworden. Dem ist er sich bewusst. Obwohl er zum Schluss wirklich auch den kleinsten Gegenspieler ausschaltete, gewinnt er den Kampf nicht: seine Familie hasst ihn, das Geld ist nutzlos, der Krebs ist zurück. Alles umsonst, das Drogen-Spiel kann keiner gewinnen. Für eine Sekunde ist Walter White vor seinem Tod aber doch noch ein Moment des Glücks gegönnt: Wie er  versonnen den Tank im Methamphetamin-Labor streichelt, bevor nur eine Blutspur auf dem Edelstahl zurückbleibt und er tot am Boden liegt – da hat man dann doch noch Mitleid mit dem psychopathischen Drogenboss, der in der fünften Staffel mehr denn je eiskalt über Leichen ging. Und es  verdoppelte das Gefühl am Schluss einer der besten Serien aller Zeiten: Es hat sich gelohnt. Wenn nicht für White, dann für uns.

„I liked it. I was good at it. I was alive.“

Natürlich, das Finale war nicht perfekt. Man hätte sich mehr Szenen mit Skyler und Marie gewünscht, vor allem einen noch krachenderen Abgang für Whites Gehilfen Jesse, der sich – wer hätte das anfangs geglaubt? – immer mehr zum Gewissen des Drogen-Duos entwickelte. Es wäre auch falsch, nur die allerletzte Folge der Serie als dessen Finale zu bezeichnen, denn im Grunde genommen startete dieses bereits Folgen zuvor. Spätestens dann, als Skyler gefühlskalt, aber ehrlich wie niemals zuvor, ihrem Ehemann entgegen spuckt: „Ich wünschte, dein Krebs wäre zurück!“ Das ist harter Tobak. Als auch noch Hanks Schwager aufgrund von Walt getötet wird (und überraschend brutal und schonungslos in der Wüste verbuddelt wird), als sich Walt einen Messerkampf mit seiner eigenen Frau liefert, als Marie Skyler das Baby wegnehmen möchte, als Walt seine eigene Tochter entführt und Skyler kurz darauf (wenn auch zu ihrer eigenen Sicherheit) eine hasstriefende Rede am Telefon entgegen speit, dann weiß man: diesmal hat das Ende wirklich begonnen. Diesmal ist es unausweichlich. Als Walt dann auch noch ins Exil muss, Jesse als Sklave im Drogenlabor gehalten wird und Walt schlussendlich doch noch erkennt, dass auch alles Geld der Welt nutzlos ist, wenn die eigene Familie einen hasst, dann hat das Finale eigentlich schon lange begonnen. Im Grunde waren diese Folgen das eigentliche Finale, waren spannender als die letzte Episode selbst. Denn da wurde einmal mehr gezeigt, wozu TV wirklich fähig ist, wenn man es nur lässt.

Der emotionalste und beste Moment des „Breaking Bad“-Abschiedes war aber sicherlich die letzte Aussprache zwischen Skyler und Walt. Nach all den Staffeln lässt Walter White seine Maske endlich fallen, spricht die Wahrheit, verabschiedet sich von seiner Lebenslüge, die ihn von Folge Eins an aufrecht erhalten hat: Nein, er hat das alles nicht für seine Familie getan. Er habe es für sich getan – das Ich stand immer im Vordergrund: „I liked it. I was good at it. I was alive.“

Am Leben zu sein, obwohl immer dem Tode ins Auge blickend, auf so viele Arten. Das kann nur Walter White. Kann nur Heisenberg. Kann nur „Breaking Bad“. Und ja, auch wir haben es gemocht, Whites Höllenritt. Auch wir haben uns am Leben gefühlt. Und sind ein bisschen mit unserem Lieblings-Anti-Helden gestorben.

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