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„Dexter“, eine der innovativsten und mutigsten TV-Serien der letzten Jahre, ging vor kurzem zu Ende. Leider recht unspektakulär – der erwartete BANG! blieb aus. ACHTUNG,  MASSIVE SPOILER!!

Vor acht Jahren, was war das für eine Aufregung: Ein Serienkiller sollte als Sympathiefigur eine gesamte Serie tragen. Ja, geht denn sowas? Darf man das überhaupt? Wird Selbstjustiz und das Töten von Menschen damit nicht verherrlicht? Die Gemüter waren erhitzt. Klar, bei „Showtime“ darf man sowas (was darf „Showtime“ denn bitte nicht?!), und die Aufmerksamkeit, die Erwartung war enorm: sogar das kleine Österreich, das ansonsten so ziemlich jedem Trend hinterher hinkt, warb zeitnah mit riesigen Plakaten an Bushaltestellen (!) für die wahrlich „verboten gute“ TV-Serie. Und spätestens nach der ersten Staffel war klar: „Dexter“ hatte die TV-Landschaft für immer verändert. Wenn man es richtig anstellt, schafft es eine Serie sogar, dass das Publikum mit einem Serienkiller mitfühlt. Ihn sogar ins Herz schließt. Und „Dexter“ löste einen wahren Trend an Anti-Helden aus, der in „Breaking Bad“ und Walter White seinen Höhepunkt fand.

Eine Staffel voll Probleme

Und nun ist alles vorbei. Am 22.November lief in den USA die letzte Folge von „Dexter“, der einst so mutigen und alles andere in den Schatten stellende TV-Serie. Das Gefühl, welches das Serienfinale beim Zuschauer hinterlässt, ist mehr als ambivalent, löste im Internet gar einen wahren Shitstorm und Enttäuschungs-Schreie unter den Fans aus. Und ja, es stimmt tatsächlich: Bis auf wenige Highlights wurde das Finale der Serie so gar nicht gerecht. Dexter beginnt als Holzfäller ein neues, wenn auch isoliertes, Leben?! Da wäre doch um so viel mehr drin gewesen.

Das Problem beginnt aber (natürlich) nicht erst beim Finale, sondern eigentlich schon 11 Folgen zuvor, nämlich am Beginn der achten (und letzten) Staffel. Das voran gegangene Jahr war grandios, „Dexter“ hatte hier endlich wieder zu seiner alten, kreativen Stärke zurück gefunden. Debra gestand ihrem Halbbruder Dexter ihre Liebe und wurde, um ihn zu beschützen, selbst zur Mörderin. Der so ruhmreiche Cop, der aus (unerwiderter) Liebe all seine Prinzipien, alles, woran er bisher glaubte, über Bord wirft. Ein guter Ausgangspunkt für spannende Storys, die zu einem exzellenten Finale hätten führen können. Dass Debra zu Beginn der achten Staffel den Drogen und dem Alkohol verfallen war, ist nachvollziehbar, aber nicht wirklich neu und erinnerte eher an schon tausendmal gesehene Soap-Elemente. Auch, dass sie scheinbar problemlos ihre Sucht in den Griff bekam, passte nicht in das ansonsten dunkle „Dexter“-Universum, das es seinen Figuren noch nie leicht machte. Dass Debra Dexter und sich sogar töten wollte, war ein kurzes kreatives Aufleuchten des Plots, schon eine Folge später wurde hier aber ein Rückzieher gemacht. Und auch ansonsten fanden Debra und Dexter wieder viel zu schnell zueinander, Debra wieder zu schnell in ihr altes Leben zurück. Wieso hier nicht mehr Mut, der die Serie ansonsten immer ausmachte? Wieso nicht sogar eine Liebesszene zwischen den Halb-Geschwistern wagen – das Prickeln zwischen ihnen war schließlich nicht zu übersehen! Die Autoren gingen aber lieber den konventionellen Weg, und bei einer Serie wie „Dexter“ ist das beinahe schon schmerzvoll zu beobachten.

Dexter-Season-8-Poster

Fehlender Mut, wenig Kreativität

Die Debra-Story ist ein gutes Symbol dafür, was in der gesamten Staffel von Beginn an schieflief: fehlender Mut, zu starker Fokus auf neue Figuren, Vernachlässigung der Nebenfiguren, keine Kreativität, zu wenig Spannung, Logiklöcher. Denn auch die anderen Storybögen in der achten Staffel strotzen nur so vor althergebrachten und oft sogar billigen Soap-Elementen: da taucht eine Tochter plötzlich auf, von der man nichts wusste, der Exfreund ist immer noch nicht über seine Exfreundin (die Hauptprotagonistin) hinweg, der Täter entpuppt sich plötzlich als Sohn der ebenfalls wie aus dem Nichts auftauchenden „spirituellen“ Mutter der Hauptfigur, die ehemalige große Liebe kehrt zurück und stellt das Leben des Helden komplett auf den Kopf. Been there, done that.

Selbst die am Anfang so vielversprechende Einführung von Evelyn Vogel, Dexters „spiritueller“ Mutter und Erfinderin des „Codes“, entpuppt sich nach wenigen Folgen als Sackgasse und entfaltet bei weitem nicht die Möglichkeiten, die dieser Plot inne hatte. Wieso Vogel nicht selbst zum „Big Bad“ der Staffel machen?! Hätte doch perfekt in die Story gepasst – und wäre um einiges spannender gewesen als ihr Sohn, der bis zuletzt in keinster Weise eine echte Bedrohung für Dexter war. Apropos Bedrohung: dass Dexters wahre Identität auffliegt, stand im letzten Jahr leider nie zur Debatte – obwohl dies der rote Faden der gesamten Serie ist. Das nahm auch einiges an Spannung – und verursachte Ärger beim Zuschauer: Wie blind kann die Miami Metro eigentlich sein?! Wie naiv ist Quinn, der noch einige Staffeln zuvor überzeugt davon war, dass Dexter nicht der ist, der er vorgibt zu sein, nun aber nicht mal die auffälligsten Hinweise auf Dexters geheime Identität serkennt?! Und wieso machte man aus solch einem vielversprechenden und dreidimensionalen Charakter wie Hannah McKey nichts mehr als ein farbloses Anhängsel von Dexter, das pro Folge nicht mehr zu tun hat als besorgt dreinzuschauen?!

Finale mit wenigen Höhepunkten

Eben: auf dieser Basis ist es schwer, ein gelungenes Serienfinale hinzubekommen. Die Storys in den letzten drei bzw. zwei Folgen waren an den Haaren herbeigezogen, zu stark konstruiert und vor allem zu übereilt: Debras Schussverletzung zum Beispiel hatte bei weitem nicht die Intensität, dass sie daran tatsächlich stirbt. Dass Dexter einfach so nach Argentinien mit Frau und Kind auswandert, ist auch unglaubhaft. Quinn und Debra wieder ein Paar – wie das?! Alles andere? Eigentlich uninteressant.

Natürlich, das Finale hatte auch seine emotionalen Höhepunkte. Allen voran jene Szene, als Dexter Debras Leiche von seinem Boot aus ins Meer wirft, sie also nach all den Jahren nicht nur symbolisch, sondern auch tatsächlich zu einem seiner Opfer wird. Das hat Intensität, überrascht und gliedert sich perfekt in den gesamten achtjährigen Storyverlauf ein. Auch, als Dexter sich absichtlich in den tosenden Sturm begibt, hat Symbolcharakter. Und Dexter als Holzfäller? Zumindest die letzte Einstellung mit Dexters berühmten, von Trauer, Wut, Hass und Schmerz triefender Blick in die Kamera ist eine würdige Reminiszenz an die gesamte Serie.

Mittlerweile ist bekannt geworden, dass „Showtime“ selbst den Autoren verbat, Dexter sterben zu lassen. Fast scheint es so, als ob der Sender der Diskussion, ob Dexter mit seinen Taten nun davonkommen sollte oder nicht, ausweichen wollte. Da hat wohl wer seinen ansonsten so prächtigen Schwanz eingezogen. Schade. Vor allem aber tritt man so die hervorragenden ersten vier Staffeln von „Dexter“ mit Füßen.

Dexter vs. Miami Metro

Was also hätte man besser machen können? Zum einen: Einer Serie wie „Dexter“ muss die Spannung in der finalen Staffel aus der Gesamtheit der Serie ziehen. Dexters Indentität hätte entdeckt werden und die ehemaligen Kollegen die Gegenspieler von Dexter sein müssen. Welche Möglichkeiten an spannenden Storys und vor allem (glaubwürdigen!) Charakterentwicklungen hätte es hier gegeben?! Baptista, der La Guerta so nahe stand, hätte nachforschen können, ob am Verdacht seiner Exfrau nicht doch etwas dran war. Baptista, der „Gutmensch“ der Serie, wäre ein interessanter und für Dexter gefährlicher Gegner gewesen, der diesen in ein moralisches Dilemma gebracht hätte. Vor allem: Dexter vs. Miami Metro! Das wäre ein würdiger Abschluss gewesen, der auch den Nebenfiguren ihre Höhepunkte geschenkt hätte. So waren Baptista, Quinn und Co. nicht mehr als blasse Mitspieler, die derart blind und naiv waren, dass man beinahe schon einen Groll gegen sie hegte. Und vor allem beim Debra-Plot verschenkten die Autoren sehr viele Möglichkeiten, um auf ein würdiges Finale hinzusteuern.

Ob Debra selbst aus Liebe zu Dexter zur Serienkillerin wird, darüber kann man diskutieren. Ich hätte dies spannend und im Hinblick auf Staffel Sieben auf logisch gefunden. Zudem hätte Debra so eindeutig mehr zu tun gehabt als sie es tatsächlich in den letzten Folgen der Serie hatte, die weder der Rolle, noch der Schauspielerin Jennifer Carpenter gerecht wurden. Was man aber betonen muss: Selbst in den schlechtesten Storyplots spielt sich Carpenter noch die Seele aus dem Leib, ihre Darstellung im Finale ist mindestens eine Emmy-Nominierung wert.

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Dexter, Ich will dich tot sehen!

Das Leben ist zwar kein Ponyhof, aber mein Wunschfinale von „Dexter“ hätte folgendermaßen ausgesehen: Miami Metro bringt, nachdem es sich mit Dexter die gesamte Staffel ein psychologisch-zerreißendes Katz-und-Maus-Spiel geliefert hat,endlich  hinter Gitter. Allerdings schon in Folge Neun oder Zehn, man will am Ende ja nichts überstürzen. Eine emotionale Gerichtsverhandlung hätte die Möglichkeit gegeben, in die Vergangenheit zu blicken und jede Figur für wenigstens einige Minuten in den Mittelpunkt zu stellen. Auch das jeweilige Plädoyer der Anwälte hätte das Für und Wider von Dexters Taten (und somit der gesamten Serie) gut auf den Punkt gebracht. Der Ausgang des Prozesses? Ganz klar: Dexter wäre zum Tode verurteilt worden. Das hätte ohne Zweifel wiederum für mediale Aufmerksamkeit gesorgt, denn: hat Dexter die Welt nicht besser gemacht? Oder ist er am Ende doch genauso wie all die „bad guys“, die er ins Jenseits beförderte? Auf jeden Fall spannend, wie die Welt das gesehen hätte (inklusive tolle Möglichkeiten für die Autoren, auf eine Metaebene zu wechseln!). Die vorletzte Folge endet mit Dexters Hinrichtung, bei der natürlich all seine Ex-Kollegen und natürlich Debra (und ja, auch Hannah!) anwesend sind. Ein letzter intensiver Augenkontakt zwischen Debra und Dexter, bevor dieser diesmal sein eigenes Leben für immer aushaucht.

Und die letzte Episode? Die hätte man gekonnt dem Thema widmen können, wie die Welt (und Miami Metro) ohne Dexter aussieht. Die Figuren hätten Stellung beziehen können – denn wer sagt, dass einige Kollegen nicht doch gut fanden, was Dexter all die Jahre tat? Ein neuer Serienkiller wird im Serienfinale gejagt – und ohne Dexter haben die Cops sichtlich ihre Probleme, den Täter hinter Schloss und Riegel zu bekommen. Bis Debra, der Super-Cop der mit dem schlechten Gewissen, nicht auch selbst wegen dem Mord an La Guerta bestraft worden zu sein, dem Killer auf die Spur kommt.In diesem Moment erscheint ihr Dexter als emotionale Stimme – eben ähnlich, wie Harry all die Jahre Dexter erschienen ist. Debras innere Stimme wird immer lauter: Soll sie ihren Bruder würdigen, indem sie sein Erbe antritt? Oder soll sie doch dem Cop-Kodex weiterhin befolgen, wie sie es vor so vielen Jahren geschworen hat? Die allerletzte Einstellung zeigt Debra, wie sie dem Serienkiller gegenübertritt. Greift auch sie zur Selbstjustiz? Tritt sie Dexters Erbe an?
Abblendung.
Credits.

Aber naja, das Leben ist eben kein Ponyhof. Und im „Dexter“-Universum bekanntlich schon gar nicht.

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Auf den Promos hatte man den Mut, Dexter auf den Schlachttisch zu legen – wieso nicht auch im Finale?!

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