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Mit harter Rockmusik untermalte Gewaltszenen in Großaufnahme, Mörder ohne Ende, ein Edgar Allan Poe inspirierter Serienkiller und ein FBI-Agent mit Herzschrittmacher, der einen persönlichen Rachefeldzug gegen den kongenialien Psychopathen führt: der serielle Psychothriller „The Following“ setzt im Crime-Genre neue Maßstäbe.

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Ich bin kein Fan von Crime-Serien. Weil sie wie Unkraut aus dem Boden schießen und ein Konzept sich dem anderen gleicht. Einmal kann der Ermittler Lügen fünf Kilometer gegen den Wind erkennen, einmal ist er sowas wie ein Gedankenleser, einmal ist er ein Meister im Umgang mit High Technology-Geräten, ein anderes Mal ist sein Gedächtnis besonders gut ausgeprägt. Und immer, natürlich, gibt’s zwischendurch bisserl was an persönlichen Dramen. Ob es nun um Sexualstraftaten, vermisste Personen oder Psychokiller geht – im Grunde ist es alles dasselbe. Auch, wer der Mörder ist, erkennt man mit ein bisschen Übung irgendwann in den ersten zehn Minuten. Und, ja, ich gebe es zu: mir fehlt bei diesen Serien der Herzschmerz, die Dramatik, die manchmal campy-Storylines, kurz: die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Verbindung zu den protagonisten. Ich bin von persönlichen Dramen mehr fasziniert als von der Frage, welcher mir völlig gleichgültige Charakter einen mir ebenso völlig gleichgültigen Charakter erschossen hat. Punkt.

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Also erhoffte ich mir auch von „The Following“ nicht viel, der neuesten Crime-Serie aus den USA. Gute Kritiken, Hollywood-Star Kevin Bacon in der Hauptrolle. Also schauen wir mal, dachte ich, als die Serie vergangenen Mittwoch auf ORF seine Premiere feierte.

Und war begeistert, schockiert, in den Bann gezogen. Alles auf einmal. Was selten geschieht.

The Following Hero Promo

Verrückter Literaturprofessor vs. Gebrochener FBI-Agent

Schon der Plot sticht aus dem Crime-Allerlei heraus und weiß zu überzeugen: Im Zentrum steht der ehemalige Literaturprofessor Joe Carroll (James Purefoy), der sein Horrorfaible nicht nur in wissenschaftlichen Kreisen auslebt und damit in den Blickpunkt von FBI-Agent Ryan Hardy (Kevin Bacon) gerät. Nach etlichen grausamen Morden an Studentinnen gelingt es Hardy schließlich, Carroll hinter Gittern zu bringen. Das war alles in der Vergangenheit – erst zehn Jahre später setzt die Handlung der Serie ein: Carroll ist aus dem Gefängnis entkommen. Und das FBI braucht Hardys Hilfe (nach dem Carroll-Trauma hat er seinem Job den Rücken gekehrt), schließlich kennt den Serienkiller keiner so gut wie er. Überraschend schnell ist Carroll dann auch wieder hinter Schloss und Riegel. Was sich aber mit seinem Ausbruch offenbart: Während seiner Inhaftierung scharrte Carroll via Internet zahlreiche Anhänger um sich, gründete eine Art Sekte – mit ihm als skrupellosen, wenn auch sehr kreativen, Anführer (Erinnerungen an Charles Manson werden wach!). Seine Jünger hat er fix in der Hand, sie morden auf seinen Befehl – und geben sich nach und nach sukzessive zu erkennen. Da ist auch das nette, befreundete Schwulen-Pärchen plötzlich in Wirklichkeit grausame Killer (die obendrein gar nicht schwul sind!). Zwischen Hardy und Carroll beginnt ein persönlicher Rachefeldzug, in dem mal der eine, mal der andere die Oberhand gewinnt …

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Gewalt á la Kevin Williamson

Wenn der hochintelligente Literaturprofessor Joe Carroll, der mit Leidenschaft bei seinen Morden Edgar Allen Poe zitiert, sich aus dem Gefängnis heraus mit dem gebrochenen FBI-Agenten Ryan Hardy ein Psychoduell erster Güter liefert, erinnert das natürlich an Hannibal Lecter und Clarice Sterling aus „Das Schweigen der Lämmer“ – im besten Sinne. Dass „The Following“ dem Psychothriller-Klassiker auch in Sachen Gewalt und Horror um nichts nachsteht, ihn sogar überflügelt, dafür sorgt Serienerfinder Kevin Williamson, der auch schon in „Scream“ und „Vampire Diaries“ seinen Hang zu Herz-aussetzenden Schockerszenen mit voller Lust zelebrierte. Welche rohe Brutalität er den Zuschauern aber in „The Following“ zumutet, überrascht dann doch: Da schwenkt die Kamera nicht weg, wenn eine Carroll-Jüngerin Selbstmord begeht, indem sie sich einen Eispickel durchs Auge rammt. Da schreckt man von der Couch auf, wenn plötzlich eine Leiche mit ausgestochenen Augen (das Auge ist laut Poe „das Fenster der Seele“) von der Decke baumelt. Und es wird genüsslich zelebriert, wenn wehrlosen Studentinnen der Schädel entzwei geschlagen wird. So viel offene Gewalt war man auch in den härtesten Crime-Serien bisher nicht gewohnt. Da wundert es fast, wenn es in einer Szene nur beim (wenn auch detaillierten) Erzählen bleibt, wie der Mörder alle sieben Augenmuskeln dem lebendigen Opfer einzeln durchtrennt hat.

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Mehr als nur Gewaltorgien

Aber Gewaltorgien, heißt der Regisseur nicht gerade Tarantino, machen noch lange kein gutes Produkt aus. „The Following“ gewinnt seine dicht-düstere Atmosphäre erst durch das Zusammenspiel vieler verschiedener (Psychothriller-)Faktoren: Die Zeitsprünge, das rasche Wechseln zwischen Vergangenheit und Zukunft erfordert ein konzentriertes Verfolgen der Episode und gewährt interessant Einblicke in das Seelenleben der Protagonisten. Genauso erschreckend wie all die Mordszenen ist zudem der Gedanke, dass wirklich jeder der Protagonisten der Serie (und sei es nur der unscheinbare „Komparse“ links im Bild) ein Carroll-Jünger sein kann – und somit ein hochgefährlicher Killer. Dass man, wie im Falle von Emma, Jacob und Paul, auch nicht vergisst, hinter die Fassade dieser Personen zu blicken und zu erklären, wie Durchschnittsbürger zu Serienkillern werden können, trägt natürlich zur Faszination der Serie bei. Jede noch so kleine Nebenrolle ist perfekt besetzt – natürlich aber stechen Bacon und Purefoy besonders hervor, die mit ihrem eindringlichen, ganzkörperlichen Spiel bis an ihre Grenzen gehen und den Rest des (talentierten) Casts mühelos an die Wand spielen. Neu, innovativ und erfrischend auch der Einsatz von Rockmusik, der die grausigen Mordszenen untermalt und der Brutalität somit noch eine zusätzliche Schock-Note verleiht.

Faszinierend auch die immer wieder in den Plot einbezogene Metaebene, die „The Following“ immer dann erreicht, wenn Carroll Hardy gegenüber von „spannenden Kapiteln“ spricht, deren Protagonisten er und Hardy sind, und „die in diesem Moment geschrieben werden“. Es brauche für eine gute Story zwei so unterschiedliche Protagonisten wie sie beide, so Carroll in einer Szene, und wenn Hardy Gefühle für Carrolls Exfrau hegt, bringe das nur den nötigen Schuss Romantik in die Story. Es ist, als ob hier die Drehbuchautoren direkt zu den Zusehern sprechen und bewusst mit der Realität-Fiktion-Grenze spielen. Bei all den Gewaltszenen tut es aber auch mal ganz gut, daran erinnert zu werden, dass es sich hier dann doch nur um eine TV-Serie handelt. Gleichzeitig verleihen diese Metabene-Monologe von Carroll der Serie natürlich ein großes Plus an Dramatik.

Und, nicht zu vergessen: Nicht nur Carroll als kongenialer, perverser Serienkiller fasziniert von der ersten Minute an, sondern auch FBI-Agent Hardy. Der ist nämlich um so vieles anders als all seine Kollegen aus bekannten Crime-Serien. Hardy muss mit einem Herzschrittmacher leben, neigt zu Wutausbrüchen und fing ein Verhältnis mit Carrolls Exfrau an – mit ein Grund, wieso dieser ihn so sehr hasst. Und da ist sie wieder, mein heißgeliebter Herzschmerz. Nur, dass in „The Following“ halt die begehrte Dame gleich mal umgebracht werden soll und der neue Freund dem Exmann genüsslich drei Finger bricht.

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„Breaking Bad“ und „Dexter“ lassen grüßen

„The Following“ – ein Serienkonzept, das also vollkommen überraschend aus dem Nichts auftauchte? Nicht ganz. Sieht man sich die Serie im Kontext der aktuellen TV-Landschaft näher an, fällt auf, dass das Zeigen von harten Gewaltszenen, das Ausloten und Aufbrechen von Grenzen und der Test, wie viel man Zuschauern zumuten kann, aktuell durchaus Hochkonjunktur haben: Sowohl „Breaking Bad“ als auch „Dexter“ und „American Horror Story“ machten offen gezeigte und über jeden guten Geschmack hinausgehende (TV-)Gewalt salonfähig. Auch Anti-Helden, die entweder vom Leben zerschmettert wurden, ambivalente Moralvorstellungen verinnerlicht haben oder einfach durch und durch böse sind, sind spätestens seit „Breaking Bad“, „Dexter“ sowie auch „Nurse Jackie“ oder „Revenge“ nichts Neues mehr.

„The Following“ gliedert sich also perfekt in die moderne TV-Landschaft ein, indem sie aktuelle Trends aufgreift und diese um die eine oder andere Nuance erweitert. Vielleicht schafft es „The Following“, dem ermüdeten Crime-Genre endlich wieder neues Leben einzuhauchen. Denn die Serie zeigt, dass es nicht immer das altbekannte „Whodunit“-Konzept sein muss, wenn es darum geht, Storys über Verbrechen zu erzählen. Es ist so viel mehr möglich. „The Following“ hat hier eindeutig neue Maßstäbe gesetzt.

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