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Der Auftakt der fünften „Glee“-Season stand ganz im Zeichen der Beatles. Heißt: Liebe, Melancholie, das Erreichen von Zielen, Freundschaft. Eigentlich alles, was „Glee“ sowieso ausmacht. Trotzdem, so ganz wollte der Staffelauftakt „Love, Love, Love“ nicht zünden. „All you need is love“, sollte man meinen. Dann kann nix mehr schiefgehen. Ist das aber wirklich so? Ein kleiner Liebes-Check.

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All you need is love … for the Beatles

Stolz angekündigt, mit Glee-Beatles-Promofotos und Beatles-zentriertem Trailer. Die erfolgreichste Boygroup der Welt hält Einzug in die kultige, kunterbunte Welt der „Glee“-Kids. Natürlich, mit solchen Klassikern-Kapazundern wie den Beatles (oder in der vierten Staffel mit dem Stevie Wonder-Tribut) möchte man sich auch einem etwas älteren Publikum erschließen, sich in dieser Zusehergruppe Respekt verschaffen. Und schließlich könne sich sowieso „amost the entire world“ mit den Songs der Pilzköpfe identifizieren, wie auch Blaine in der Folge betont.

Trotzdem – so ganz geht die Rechnung nicht auf. Die Beatles-Song sind (bis auf Ausnahmen) einfach nicht für ein Musical geschaffen. Zu beliebig wirken viele der Songs plötzlich, wenn sie im Schulgang oder auf dem Schulhof gesungen werden. Es ist auch schwer vorstellbar, dass all die „Glee“-Youngsters so sehr auf die Beatles abfahren – das würde man schon eher Mr. Shue abkaufen (der immerhin das Wochenmotto vorschlug). Was bei Stevie Wonder oder Michael Jackson, ja sogar bei Whitney Houston als Tributfolge noch sehr gut funktionierte, weil all diese Songs genug Groove, genug Pep und genug Dramatik haben, um „Glee“-typische Storys um sie herum zu schaffen, kommt das bei den Beatles etwas verkrampft daher (auch, weil man hier mit aller Kraft Song an Song aneinandergereiht hat, um möglichst viel davon unterzubringen, worunter aber mitunter die Story gelitten hat). Die Britney-Tribut-Folgen stehen hier sowieso außer Konkurrenz und beweisen, dass Popsongs halt doch am allerbesten in die „Glee“-Welt passen.

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All you need is love … for „art imitates life“

Noch nie zuvor wurde einem so sehr bewusst, wie sehr wir die „Glee“-Schauspieler und deren Rollen zu einer Person verbinden. Stärker als bei anderen Serien tun wir uns schwer, eine Lea Michele von einer Rachel Berry zu unterscheiden, einen Chris Colfer von einem Kurt Hummel, eine Jenna Ushkowitz von einer Tina Cohen-Chang, einen Darren Criss von einem Blaine Anderson. Dass nicht nur Rachel und Finn, sondern auch Lea und Cory ein Paar wurden, tat dazu sein übriges. Die Parallelen sind aber auch schwer zu übersehen: Sowohl vor als auch hinter der Kamera geht es hier um junge, frische Talente, die nicht nur ihre Liebe zur Musik ausleben, sondern auch hart daran arbeiten, berühmt zu werden. Colfer ist wie Kurt schwul, Michele wie Rachel der ehrgeizige Star mit dem goldenen Herzen des Ensembles, Cory Monteith schaffte es wie sein Alter-Ego Finn Hudson (wenigstens für kurze Zeit) dank seines Talents seinen inneren Dämonen zu entfliehen. Im Season 5-Trailer macht Darren Criss alias Blaine diese Alter Ego-Verschmelzung sogar zum Thema, als er sowohl von Blaine als auch von sich selbst in der dritten Person redet.

Folgerichtig also sind die ersten Minuten von „Love, Love, Love“ kein kunterbuntes, lachendes, kreischendes Herumgehüpfe und Welt-Umarmungen, sondern kommen leise, behutsam, traurig, melancholisch daher. Nach dem Tod von Cory Monteith, der medialen Aufmerksamkeit und dem Bewusstsein, dass die fünfte Season so ganz anders als die vorhergegangen Jahre werden wird, wäre es auch falsch gewesen, in die Folge mit fröhlichen und lachenden Gesichtern einzusteigen. Wenn Michele alias Rachel den Beatles-Hit „Yesterday“ in ihrer ganz eigenen Version wiedergibt und dabei all ihren Schmerz, ihre Verzweiflung und ihren Kummer in den Song packt, kann man nicht anders, als die Parallelen zum wahren Leben zu sehen. „Yesterday all my troubles seemed so far away. But now it seems as if they’re here to stay … (…) I’m not halt the girl I used to be, there’s a shadow hangin‘ over me“ singt Rachel melancholisch und mit leiser, ja fast zerbrechlicher Stimme, als sie allein hinter der Bühne des Theaters den Worten des Regisseurs lauscht, sie alleine den Central Park entlang geht und sich alleine auf der Kante ihres Bettes niederlässt. Aber da singt nicht nur Rachel, da singt auch Lea Michele, und wir alle wissen, warum. Wenn sie die Brücke, auf der Rachel und Finn im zweiten Serienjahr wieder zueinander fanden, besucht, wissen nur aufmerksame „Glee“-Fans, welche Bedeutung diese nur sekundenlange Szene wirklich hat und wie sehr an dieser Stelle sowohl Rachel Berry als auch Lea Michele leiden. Das geht ans Herz.

„Richtige Schauspieler lassen während des Spielens vergessen, wer sie wirklich nicht“, sagt man. Das stimmt auch (zum Großteil). Bei „Glee“ ist es ein bisschen anders. Da sind schon lange die Grenzen zwischen Kunst und Realität verwischt. Und das macht zum Teil auch den Charme der Serie aus. Mit diesem sehr stillen Einstieg in die fünte Season hat „Glee“ also viel Sensibilität gezeigt und richtig gehandelt. Auch wenn es sich zuweilen etwas morbide anfühlte, all die „Glee“-Kids fröhlich singend im Konfettiregen zu sehen, im Hintergedanken, dass vor allzu kurzer Zeit eine ihrer Kollegen verstorben ist.

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All you need is love … for the same old, same old

Und dann – bumm! Nach dem herzerreißenden Rachel-Solo, das die Folge einläutete, befinden wir uns auch – zack – gleich wieder im altbekannten choir room und Mr. Shue schreibt zum gefühlt tausendsten Male das Wochenmotto auf die Tafel. Eine Enttäuschung beim Zuseher lässt sich hier nicht verhindern. Lange genug hat „Glee“ die Welt von Schulchor-Kids erkundet, es wird Zeit, neue Ufer zu erklimmen – oder zumindest neue Storyplots. Man ist immer weniger daran interessiert, was in der McKinley High passiert, die „Neuen“ (abgesehen von Kitty und vielleicht auch Jake) haben es auch nach einem ganzen Jahr nicht geschafft, dass man sich für sie erwärmt. Wie auch schon in Staffel Vier: New York is the place to be, wir wollen die Großstadt sehen und unsere Lieblinge, wie sie sich in der Stadt, die niemals schläft, durschlagen. Das ist nicht nur erfrischend und birgt viele Chancen für neue Storys, sondern ist auch um einiges erwachsener als alles, was sich in der McKinley High so tut. Nach über vier Jahren ist es an der Zeit, dass „Glee“ endlich erwachsen wird, sich weiterentwickelt und neue Wege einschlägt. Es wäre so viel Potenzial da. Die Autoren müssten dies nur erkennen.

Dass Marley, Jake, Kitty, Unique und Ryder ab diesem Jahr zum Hauptcast gehören, sah man in „Love, Love, Love“ bereits sehr gut. Kitty und ihre Beziehung zu Artie stand im Mittelpunkt, Becca Tobin durfte endlich beweisen, was schauspielerisch (kann man noch dran arbeiten, zugegeben) und gesanglich in ihr steckt. Kitty ist die mit Abstand interessanteste Figur der Neuzugänge und hat mit etwas Anstrengung Potenzial, in die Fußstapfen von Queen Quinn zu treten. Unique, so faszinierend er bzw. sie zu Beginn war, nervt nur noch. Und dass Marley und Ryder in dieser Folge so gut wie kein Wort sagen durften, ist wohl bezeichnend: Bei einer Staffelpremiere drängt man die langweiligsten Figuren schließlich gern in den Hintergrund.

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All you need is love … for the fans

„Glee“-Schöpfer Ryan Murphy ist bekannt dafür, den Fans nicht das zu geben, was sie wollen. Das ist okay, sogar eine eigentlich kluge Taktik, man denke nur an Serien wie „The X-Files“ oder „Buffy“: Hier wollten die Fans meist ganz was anderes, als sie schlussendlich präsentiert bekamen, aber genau das verstärkte (so komplex dies auch klingen mag) die Verbindung zur Serie, ließ die Serie immer wieder polarisieren und blieb so spannend. Murphy allerdings hat, im Gegensatz zu Chris Carter und Joss Whedon, allerdings nicht das sensible Gespür dafür, zu wissen, wann man den Bogen überspannt und die Fans nicht mehr neugierig macht, sondern nur noch verärgert. Santana und Brittany zum Beispiel sind als Pärchen nun endgültig Geschichte (obwohl eines der beliebtesten „Glee“-Pärchen), stattdessen wurden im letzten Jahr wild andere Romanze erzwungen, die nicht nur narrativ absolut nicht erklärbar waren, sondern zum Teil auch richtig lächerlich wirkten (Tina und Blaine zum Beispiel, aber auch Sam und Brittany oder Blaine und Sam). Der Höhepunkt: Als Blaine für Sam den ans Herz gehenden Lovesong „Against all odds“ schmetterte und zwei Folgen später plant, Kurt einen Antrag zu machen. Da kann man nur noch verwundert den Kopf schütteln.

Genau da setzt „Love, Love, Love“ nun an. Nach wenigen Minuten der Folge sind Blaine und Kurt endlich wieder „Klaine“ und gehen zusammen durch die Welt. Endlich! Alles andere war auch unglaubwürdig und unübersehbar nichts mehr als ein Versuch, die Spannung („Kommen die beiden wieder zusammen?“) gekünstelt und erzwungen aufrecht zu erhalten. Und weil jeder Staffelauftakt ein absolutes Highlight braucht, endet die Folge mit dem wunderschön romantischen, wenn auch etwas kitschig inszenierten Heiratsantrag von Blaine an Kurt – der auch unter Tränen, wenn auch etwas verhalten zustimmt. Die Fans haben endlich das, was sie verlangten – und „Glee“ endlich wieder ein Traumpaar der ersten Stunde. Dieser Status wird Klaine auch so schnell nicht mehr streitig gemacht – schließlich werden Brittana und Finchel endgültig nicht mehr zurückkehren. Jede Serie braucht ein Vorzeige-Traumpaar – und Glee hat es im homosexuellen Pärchen Klaine gefunden. Das ist natürlich eine schöne (und nicht zuletzt wegen der Heirat hochpolitische) Message.

Und dieser Message wird man auch gerecht: Anders als in früheren Jahren, in denen Blaine und Kurt oft nichtmal Händchen halten durften, küssen sich die beiden in „Love, Love, Love“ gleich zweimal. Erfolgt nach dem ersten Kuss zwar noch ein schneller Schnitt, ist der zweite doch verhältnismäßig lang zu sehen – und sowohl von Chris Colfer, als auch vom heterosexuellen Darren Criss mit Leidenschaft gespielt. Auch hier: endlich!

All you need is love … for the future

Schön auch anzusehen, wie sich die Dynamik zwischen Kurt und Blaine verändert zu haben scheint. War Blaine früher noch derjenige, der Kurt (oft sprichwörtlich) an die Hand nahm und ihn durchs Leben führte, ist es nun Kurt, der „endlich auch mal für Blaine singen möchte“, und nicht umgekehrt, wie er selbst betont. Ein Statement, das viel aussagt. Kurt hat sich vor allem im vergangenen Jahr emanzipiert und hat nach dem Seitensprung von Blaine nun wohl auch das Sagen in deren Beziehung. Wie sehr Kurt allerdings in der Folge gegenüber seinem Vater Zweifel an einer Heirat mit Blaine verbalisiert, lässt darauf schließen, dass die Verlobung (oder vielleicht sogar die Hochzeit) noch keine feste Sache ist.

Und was versprach uns „Love, Love, Love“ sonst noch für das kommende „Glee“-Jahr?

Nicht allzu viel. Was auch verständlich ist, schließlich wissen bekanntermaßen die Autoren nach dem Tod von Monteith selbst nicht, wie es weitergeht. Weshalb nach der Cory Monteith-Tribut-Folge in zwei Wochen sich die Serie auch in eine lange Pause verabschieden wird. Das Fehlen von Finn/Monteith wird sicherlich für die eine oder andere Dramatik dieses Jahr sorgen, „Love Love Love“ zeigt aber auch, dass „Glee“ von seiner Fröhlichkeit nichts verloren hat.

Einiges, was in der Auftaktfolge bereits angesprochen wurde, scheint Potenzial zu haben: Rachel und Santana zum Beispiel, die als „actress-waiters“ (also Kellnerinnen, die auf ihren großen Durchbruch als Künstler hoffen) nun gemeinsam das harte New Yorker-Arbeitsleben kennenlernen werden. Rachel wird allem Anschein nach die Hauptrolle in „Funny Girl“ bekommen, was viele neue Geschichten erhoffen lässt. Tina, Blaine, Sam und Artie hingegen werden dieses Mal, anders wie ihre Freunde davor, bereits im Laufe der Staffel anstatt am Staffelende graduieren – was zu begrüßen ist, da man dann schneller den Werdegang der Kids nach der Highschool verfolgen kann (bekannt ist bereits, dass sowohl Blaine als auch Artie nach New York gehen werden – yay!!!). Und, man darf ja träumen: Bei so viel Highschool-Absolventen wird dann vielleicht nicht mehr viel Platz und Zeit sein für diverse McKinley High-Szenen. Obwohl: Sue Sylvester als neue Schuldirektorin ist prädestiniert für viele neue, knallhart satirische und bissige Storyplots, die zwar wahrscheinlich in irgendeiner Form schon da waren, das Schulsetting aber doch einigermaßen erträglich macht.

Hoffen wir also, dass „Glee“ eine Herz, eine Liebe für seine Zukunft hat. Wir haben sie auf jeden Fall. Wir haben zwar gesehen: Liebe allein reicht oft nicht, kann aber viel Gutes bewirken. Die perfekte Liebe ist stets gepaart mit Überraschungen, Drama, Vorsicht, Mut, Gefühl und die Zuneigung zum Detail. Dafür ist harte Arbeit notwendig. Warten wir ab, ob „Glee“ es schafft, nach all den Jahren die Liebe zu seinen Fans und seinen Figuren aufrechtzuerhalten und nicht den Alltag einkehren zu lassen. Und das ist bekanntlich das Schwierigste in einer Beziehung.

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