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Ich habe ein Shirt mit großem „MTV“-Aufdruck in meinem Schrank. Einer meiner Lieblingsteile, weil MTV so lange Zeit Coolness, Style und Fun repräsentierte. Wer cool war, der guckte MTV. Guckte Markus Kafka und Co.

Aber lang ist’s her. Und seit vergangenen Sonntag möchte ich mein MTV-Shirt nicht mehr anziehen.

Denn da gingen die Video Music Awards (VMAs) 2013 über die Bühne. Und was da geboten wurde, hatte – bis auf wenige Ausnahmen – nicht mehr viel mit Musik zu tun. Sondern nur noch mit einer Industrie, die auf Skandale und möglichst hohe Einschaltquoten setzt.

Die Award-Abräumer

Wer bei den VMAs gewinnt (und hier geht es im Grunde nicht um die Videos, sondern um die Künstler dahinter), ist mittlerweile eigentlich nebensächlich. Schon während des Red Carpets werden eigentlich so wichtige Kategorien wie „Best Rock Video“ oder „Best Collaboration“ nur so nebenbei vergeben. Auch der Liveshow selbst scheinen die Award-Verleihungen lästig zu sein, vielmehr hantelt man sich von Live-Performance zu Live-Performance.

Deswegen nur mal so schnell nebenbei: Zu den Gewinnern gehören Justin Timberlake, Selena Gomez, One Direction, Taylor Swift, Bruno Mars und Austin Mahone. Man merkt: MTV ist ein Sender für Teenies geworden (das, was früher VIVA war), und mit musikalischer Kreativität hat man nicht mehr viel am Hut. Abgesehen von Timberlake und Mars stehen bei Gomez und One Direction nicht die Musik, sondern ihre Personas in Vordergrund. Die sind ja sooo süß, sie lassen Teenieherzen hüpfen, also gewinnen sie auch. Wer da wirklich was drauf hat – wen interessiert’s? Wenn die Boyband One Direction mit dem Award für „Song of the Summer“ (allerdings unter Buhrufen!) und Mahone zum „artist to watch“ gewählt wird, weiß man endgültig: MTV steht schon lange nicht mehr für Musik. Und die Industrie setzt auch auf ganz etwas Anderes als auf Talent.

Gaga enttäuscht, Cyrus will schockieren

Und die Live-Performances? Die waren alles in allem schwächer als erwartet. Lady Gaga eröffnete die Show mit ihrem neuen Song „Applause“ – und ihre Kritiker freuten sich: Zum mittelmäßigen Song lieferte Gaga eine mittelmäßige Performance, die den Mut, die Kreativität und die Power ihrer früheren Auftritte vermissen ließ. „Ich habe tagelang für diesen Auftritt geprobt“, war Gaga im Vorfeld noch stolz. Wenn dabei nur sowas rauskommt, dürfen wir uns von ihrem kommenden Album „Artpop“ wohl nicht viel erwarten.

Miley „Ich bin soooo erwachsen“ Cyrus tat alles, um zu schockieren und ihrem „erwachsenen“ Image gerecht zu werden: Zu ihrem Song „We can’t stop“ kam sie mit Teddy-Bikini auf die Bühne, begrapschte sich selbst mehr als sie sang und warf sich Robin Thicke, der mit ihr ihr die Bühne teilte und sich leider für solch einen Auftritt hergab, derart an den Hals, dass es nur noch peinlich und albern wirkte – und nicht erwachsen und sexy. Anstatt nach vorne blickte Cyrus zurück und kopierte billig Madonna, Gaga und Christina Aguilera, die allesamt das Sex Kitten-Image um einiges stilsicherer ausfüllten als der Ex-Hannah Montana-Star. Dazu ist Cyrus so brutal talentlos, dass auch ein halbnackiges Herumhüpfen nicht vom Nulltalent ablenkt. Die (prominenten) Zuseher quittierten ihren Auftritt mit gelangweilten Mienen und Spielen auf ihren Smartphones.

Timberlake „takes back the night“

Dazwischen und danach gab’s noch Performances von Kanye West, Drake, Katy Perry und Bruno Mars – die allesamt nicht recht zu begeistern wussten. Zu langweilig.

Muss man also eine Pornoshow a la Cyrus abliefern, um bei den VMAs auf sich aufmerksam zu machen?

Ja.

Und Nein. Denn die Nacht hat eindeutig Pop-Superstar Justin Timberlake gerettet, der sich mit einem 20(!)-minütigen Medley endgültig als neuer King of Pop etablierte. Ohne außer Atem zu geraten, lieferte Timberlake eine Performance ab, die weder die Gesanges- noch die Tanzkunst vernachlässigte und einen abwechslunsgreichen Rückblick auf seine Musikkarriere gab (inkl. Blitz-NSync-Reunion). Seine Songs hoben sich wohlwollend von der sonstigen Tralala-Pop-Masse der VMAs ab, was auch mit begeisterten Standing Ovations belohnt wurde. Er gewann auch noch in den Kategorien „Best Directing“ und „Video of the Year“ und bekam den Lifetime-Award überreicht. Zurecht. Timberlake ist ein Lichtblick im gegenwärtigen Musikbiz.

Bitte ignorieren!

Eigentlich bin ich selbst ja auch Schuld, dass es Auftritte wie die von Cyrus gibt und noch lange geben wird. Weil alle drüber berichten – genau das, was Cyrus wollte. Gerade im Zeitalter des Internets und Social Networks sind Skandal-Performances für Nulltalente wie Cyrus das A und O für die Karriere.

Deshalb: Ignorieren wir die Mileys da draußen. Die Kardashians. Die Selenas (obwohl, die kann ja wenigstens bisserl was). Die Hiltons. Denn dann stockt auch deren Karriere. Und wir machen Platz für die wahren Talente.

Vielleicht kann ich dann wieder mein MTV-Shirt mit Stolz tragen. Irgendwann.

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