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Ein Generationen-übergreifendes Drama, das drei Filme zu einem verbindet und Ryan Goslings Status als Hollywoods leading man erneut zementiert. Herausgekommen ist ein Epos über Schuld und Sühne, Väter und Söhne und Recht und Unrecht.

Mittlerweile gibt es keine „Filme mit Ryan Gosling“ mehr, sondern nur noch „Ryan Gosling-Filme“. Der neue Leading Man Hollywoods, der vom Independentmovie-Loser-Softie („Lars und die Frauen“, „Half Nelson“) zum Mr.Cool-and-Hard („Drive“) mutierte, dominiert „seine“ Filme so stark, dass es mitunter gar nicht mehr wichtig zu sein scheint, wer da eigentlich noch an seiner Seite agiert. Ryan Gosling hat Präsenz, eine derart starke, dass die Leinwand um ihn verblasst. Er trägt die Geschichte.

Was also, wenn ein „Ryan Gosling-Film“ nach 40 Minuten ohne Ryan Gosling auskommen muss?

Von der Mileustudie zum Polit-Thriller zur Coming-of-Age-Story

Genau das tut „The Place Beyond the Pines“ nämlich. Ohne zu viel zu verraten: Nach dem ersten Drittel des Films gibt es einen überraschenden Bruch, der dem Film eine vollkommen neue Richtung verleiht und sogar in ein neues Genre verwandelt. Aus einer Mittelklasse-Mileustudie wird ein beinharter Polit-Cop-Thriller. Nach weiteren 50 Minuten verlässt der Film erneut seinen zuvor sorgsam vorgefertigten Pfad und wird plötzlich zum Coming-Of-Age-Drama. Funktionieren tut das Ganze hervorragend (trotzdem? deshalb?), weil „Pines“ nicht als herkömmlicher Episodenfilm daherkommt, sondern als dichte Abhandlung über Schuld und Söhne, über Väter und Söhne, über Recht und Unrecht. Hier hat alles seine Bedeutung, auch (und gerade) das Ungesagte.

Aber okay, fangen wir von vorne an. Beim Beginn. Bei der Szene, die den Film eröffnet. Gosling zeigt seinen gestählten Körper in Nahaufnahme, das Gesicht bleibt verdeckt, die vielen Tattoos werden ins rechte Licht gerückt. Das Taschenmesser schwingt lässig in der Hand. Luke (laut einer deutschen Rezension eine „Fusion auf Steve McQueen und Nicolas Cage“) verdient sein Geld als Motorrad-Stuntmen, er ist in seinem Element. In der Kleinstadt Schenectady trifft er Romina (endlich in einer ernsten Rolle: Eva Mendes) wieder, mit der er bei seinem letzten Besuch ein kurzes Verhältnis hatte – das in der Geburt des Sohnes Jason gipfelte. Als Luke von Jason erfährt, tut er alles, um seine neue kleine Familie zu ernähren und schafft sich brutal Platz im Leben von Romina und ihrem aktuellen Freund Kofi (Mahershalalhasbaz Ali). Luke beschließt, Banken auszurauben, um Romina und Luke eine gesicherte Zukunft bieten zu können. Als Motorrad-Künstler gelingt ihm jeder Coup, seine Überfälle werden gewagter und brutaler. Bei einer wilden Verfolgungsjagd trifft er auf den Streifenpolizisten Avery (Bradley Cooper). Der ist ebenfalls frischgebackener Papa und möchte eine glanzvolle Polit-Karriere starten, so wie damals sein Vater AL (Harris Yulin). Averys korrupte Kollegen versuchen, ihn immer tiefer in ihre schmutzigen Geschäfte zu ziehen. 15 Jahre später lernt Lukes Sohn Jason (Dane DeHaan) schließlich AJ (Emory Cohen) kennen, den Sprössling von Avery. Die beiden Teenager verbindet ihr gemeinsamer Hang zum Drogenrauch – bis die Situation eskaliert, als Jason ihre gemeinsame Vergangenheit entdeckt.

Subtile Gewalt

Drei Filme in einem – und Regisseur Derek Cianfrance („Blue Valentine“, ebenfalls mit Gosling) versteht es mit traumwandlerischer Sicherheit, die richtigen Akzente zu setzen. Er weiß, wo und wann er mit der Lupe draufhalten muss und wann eine Fernsicht genügt. Während Ciancfrance sich zum Beispiel viel Zeit lässt, Averys Situation in der korrupten Cop-Welt zu erzählen, wird dessen Aufstieg als Politiker im Schnellverfahren erzählt. Auch die Szenen mit seinem Sohn AJ halten sich in Grenzen – ein Symbol dafür, dass keine Beziehung zwischen den beiden besteht. Dass Avery Lukes kleinen Sohn liebevoller im Arm hält als wenige Minuten zuvor seinen eigenen, lässt einem einen kalten Schauer über den Rücken laufen.

Überhaupt wäre es vollkommen falsch, „Place“ als Gewaltorgie zu bezeichnen, wozu der Plot einem vielleicht verleiten mag. Anstatt expliziter Gewalt (die nur in sehr wenigen Szenen ihr Gesicht zeigt) zieht sich durch den Film ein subtiler Horror, der besonders in den zwischenmenschlichen Beziehungen in den Vordergrund tritt. Zum Beispiel das Abendessen in Averys Haus, zu dem sich überraschend die Kollegen einladen. Diese Szene entfaltet mehr Thrill als eine Schießerei auf offener Straße. Oder die Kamera verharrt ruhig bei den Figuren, besorgt, einen Augenblick der Entspannung nicht zu stören. „Just capture the mood“, sagt Luke einmal. Da steht er mit der Familie, die er beinahe hätte haben können, vor einem Eisgeschäft und lässt sich fotografieren.

In diesen Augenblicken erinnert „Place“ an „Blue Valentine“. Während bei letzterem Cianfrances Psychoabhandlung sich vollends auf nur zwei Personen konzentrierte, denkt der Regisseur hier weitläufiger, hat  zeitlich, erzählerisch und inszenatorisch die Perspektive geweitet. Wenn die eindrucksvolle (lange) Eröffnungsszene sowie die adrenalingeschwängerte Verfolgungsjagd quer über einen Friedhof ohne einen einzigen Schnitt auskommt, Cianfrance gleichzeitig aber stark mit Überblendungen, raffiniert eingesetzter Filmmusik und einer (anfangs) langsamen Erzählweise arbeitet, dann präsentiert sich „Pines“ als faszinierender Mix aus Maintreamkino und Arthousefilm.

Vater-Sohn-Epos

Herausgekommen ist aber allen voran ein Epos, das drei Generationen umfasst und vor allem eine Thematik in den Mittelpunkt rückt, die das US-amerikanische Kino seit jeher liebt: die Vater-Sohn-Dynamik (man denke an James Dean oder auch Brad Pitt in „Tree of Life“). In „Pines“ prägen die Großväter die Väter, und die geben ihre Sichtweise auf das Leben und ihren emotionalen Rucksack wiederum an deren Söhne weiter. Der Film macht unmissverständlich klar: eine einzige Entscheidung kann viele weitere Generationen beeinflussen. Egal, ob man dabei ein Vater wie Luke ist, der das Falsche aus den richtigen Gründen tut und hilflos (und daher mit reichlich Gewalt) eine Beziehung zu seinem Sohn aufbauen möchte, oder ein Vater wie Avery, der vor seiner kleinen Familie in seinen Job flüchtet, sich korrumpieren lässt und der trotz Erfolg und luxuriösem Eigenheim seinem Sohn kein glückliches Leben bieten kann. Macht wird beinahe libidinös von Männern an Männern weitergegeben. Ob der väterliche Körper von Tattoos übersät ist oder in einem Luxusanzug steckt, ist dabei nebensächlich.

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