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Ein Lobgesang auf Ausnahme-Talent Ryan Gosling.

Es gibt Schauspieler, die ziehen einen ab der Sekunde in den Bann, in der sie auf der Leinwand zu sehen sind. James Dean war so einer, auch Al Pacino, Dustin Hoffman, Michael Caine, Stanley Tucci, sogar Leo DiCaprio und Jake Gyllenhaal würde ich überzeugt in diese Riege einreihen. Aber: da gibt es auch Ryan Gosling, der nicht nur die Leinwand einnimmt, sondern alles um ihn herum verblassen lässt und der auch weit über den eigentlichen Film hinaus fasziniert.

Bad Boy und Schwiegermutter-Traum

Was es ist, was dran ist am weltweiten Gosling-Phänomen, ist schwer zu sagen. Eine klassische Schönheit ist er nicht, das Gesicht ist dafür etwas zu lang, die Nase etwas zu groß – und trotzdem gab es eine erhitzte Demonstration, als das „People Magazine“ ihn 2012 nicht zum sexiest man alive kürte (der Titel ging stattdessen an „Pines“-Kollege Bradley Cooper). Vielleicht ist es diese Unperfektheit, die Gosling ausstrahlt, gepaart mit Sexyness und dem Wunsch – nein, der Sicherheit -, alles erreichen zu können. Gosling ist genauso der Traum aller Schwiegermütter wie der von rebellischen Töchtern, die mit einem Bad Boy mit Herz durchbrennen wollen. Und der Traum vieler schwuler Männer, die sich vom Mix aus Coolness und Sensibilität nicht entziehen können. Gosling mag man eben, ohne, dass er dabei langweilig wird. Er ist Bad Boy, Romantiker, Gentlemen und Draufgänger zugleich. Er schwärmt öffentlich genauso von der großen Liebe wie von seiner Fantasie, einmal im Leben eine Bank ausrauben zu wollen. Sein Charme ist arrogantes Arschloch und liebevoller Softe zugleich. Dass er dabei sowohl als einer der nettesten als auch talentiertesten Männer Hollywoods gilt, tut dem Gosling-Phänomen natürlich keinem Abbruch.

Cooler als James Franco

Vor allem aber ist es sein Talent, das nicht wie bei anderen von Film zu Film wächst, sondern von Beginn an einfach da war. Das vielleicht nicht sofort von der großen Masse entdeckt wurde, von Cineasten-Liebhabern aber schon seit langem geschätzt wird. Und, klug wie Gosling zweifelsohne ist, hat er sich von Beginn seiner Karriere an nicht auf einen bestimmten Rollentyp festlegen lassen – was wiederum seinem Image als Persona zugute kommt, das sich in keine Schublade stecken lässt. Einem größeren Publikum wurde er als psychopathischer Teenager im Sandra Bullock-Film „Murder by numbers“ (völlig zu Unrecht an den Kinokassen gefloppt!) bekannt. Diesen Rollentypus wiederholte er in „The United States of Leland“, eine packende Psychoanalyse eines Mörders, sowie in „Stay“. Weiter ging’s mit Rollen als Anwalt („Fracture“), romantischer Dream-Boyfriend („The Notebook“) oder als attraktiver, aber arroganter Frauenheld, in der Mainstream-Komödie „Crazy, Stupid, Love“. Bis auf diese Ausnahme ist Gosling seit jeher eher dem Arthouse zugetan oder zumindest Filmen, die sich trauen, Grenzen zu überschreiten. Noch vor „Murder by numbers“ spielte er in „The Believer“ einen jüdischen Neonazi mit absoluter Authentizität – der Film wurde erst ab 18 Jahren freigegeben. Angst vor untypischen Rollen hatte Gosling sichtlich nie, im Gegenteil, sie scheinen ihn bis heute anzuziehen. Okay, das ist bei James Franco nicht anders. Nur, dass Gosling dabei viel cooler wirkt und viel sexier ist. Und es bei ihm nicht peinlich ist, wenn man ein Gosling-Malbuch besitzt (okay, ein bisserl schon).

Von Softie zu Mr. Cool

Die Ausnahme-Filme „Blue Valentine“ und „Lars and the Real Girl“ (beide unbedingt ansehen!), die beide ein großes Publikum erreichten, sowie auch „Half Nelson“, für den Gosling für den Oscar nominiert war, brachten dem Schauspieler aber dann doch den Ruf des Independentmovie-Softie-Losers ein. Nicht, dass Gosling dies geschadet hätte, viel zu gut war seine Darstellung in diesen Filmen. Während aber Johnny Depp es spätestens nach dem zweiten „Pirates of the Caribbean“-Film versäumte, sich nicht auf einen bestimmten Rollentyp festlegen zu lassen (und sei dieser auch noch so crazy), wusste Gosling, dass eine filmische Kehrtwendung angesagt war, um als Schauspieler weiterhin ernstgenommen zu werden.
Im hochgelobten Gewalt-Thriller „Drive“ gab er somit folgerichtig den maulfaulen und namenslosen Driver, der unter tags als Stuntman arbeitet und in der Nacht Diebstähle und andere Verbrechen verübt. Die Kritiker bekamen sich nicht mehr ein vor Begeisterung; dass Gosling für „Driver“ nicht oscarnominiert wurde, gilt bis heute als einer der größten Fehlentscheidungen der Academy Award-Jury. Die Rolle war für Gosling wie auf den Leib geschneidert und betonte das größte Talent des Schauspielers, das bereits in seinen ersten Filmen zum Vorschein kam: Gosling trug „Drive“ nicht mittels Dialoge, sondern einzig und allein mit seiner Mimik, die derart Einblicke in das Seelenleben seiner Figur gab, wie es selten einem Schauspieler zuvor gelang. Dabei wirkt Gosling in seinen Filmen aber nie bemüht, nie angestrengt, sondern ist getragen von einer derartigen Leichtigkeit, dass der Eindruck entsteht, er spiele seine Rolle nicht, er ist sie.

Spätestens seit „Drive“ ist die (weibliche und männliche) Welt im Gosling-Fieber.

Männlich, das gefällt ihm

Mit Ausnahme der ebenfalls hochgelobten Polit-Studie „The Ides of March“ (mit George Clooney), in der Gosling einen jungen Politiker, der korrumpiert wird, gibt, war Gosling seither in Rollen zu sehen, die jener von „Drive“ sehr ähneln. In „Gangster Squad“, „The Place Beyond the Pines“ und dem neuen Streifen „Only God Forgives“ spielt Gosling Männer, die anstatt Worte eher ihre Fäuste benutzen; die das Herz am rechten Fleck haben mögen, aber trotzdem die falschen Dinge aus den richtigen Gründen tun. Oder die hineingezogen werden in eine dunkle Welt, die auch ihre Seele schwarz färben lässt. Das ist legitim, interessant sogar, zudem sind (fast) alle „Ryan Gosling-Filme“ durchaus empfehlenswert. Trotzdem: Bleibt zu hoffen, dass Gosling weiterhin allen Arten von Rollen offen bleibt und sich nach Jahren abwechslungsreicher Arbeit nicht in eine Schublade stecken lässt.

Der neue James Dean

Aber: Männlich-sanfte Rollen wie in „Drive“ oder „Pines“ gefallen dem Publikum natürlich, Erinnerungen an James Dean werden wach. Der ewig Missverstandene, der gegen gesellschaftliche Regeln und Konventionen kämpft und oft selbst nicht merkt, dass er dabei in unendliche Abgründe gerät. Dabei aber immer Funken der Hoffnung sprühen lässt, dass man ihn doch noch retten kann.

Ja, vielleicht ist das das Erfolgsgeheimnis von Ryan Gosling. Dass er der James Dean des neuen Jahrtausends ist. Drücken wir die Daumen, dass Gosling nicht der Mut verlässt und einer der vielseitigsten und talentiertesten Schauspieler unserer Generation bleibt.

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