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Zuvor sucht die Mama die passende Dame für den Sohnemann, danach stapfen 12 Glamour-Girls durch die Wüste. RTL ist an seinem neuen Mittwoch-Abend in seinem Element. Besonders die Wüsten-Show entpuppt sich als Trash vom Feinsten. Aber mit einem solch fahlen Beigeschmack, dass es schon weh tut. Und an Ignoranz grenzt. 

Ach, RTL. Was ist denn los? Klar, niveauvolles Programm war noch nie deine Stärke und wohl auch nie dein Ziel. Ist ja auch okay. TV hat seine Aufgabe, verschiedene Zielgruppen anzusprechen. Und einem auch die Möglichkeit zu geben, an einem Abend mal nicht nachdenken zu müssen.

So gesehen ist der neue Trash-Mittwoch von RTL ein großer Erfolg. Anfangen tut’s mit „Mama Mia“, wo’s im Grunde genommen darum geht, übergebliebene Mamasöhnchen an die Frau bzw. den Mann zu bringen. Das ist zugegebenermaßen ganz witzig und der Fremdschäm-Faktor hält sich, verglichen mit anderen vergleichbaren Formaten, einigermaßen in Grenzen. Bravo, dass der schwule Mr. Right-Suchende nicht anders inszeniert wird wie der Rest der Milchbubi-Kandidaten. Peinlich ist hier einfach jeder. Aber irgendwie ist’s trotzdem liebenswert.

Also, wir sind ja guter Dinge, bleiben wir nach dieser Sendung RTL treu und begleiten ab 21Uhr15 die Sommer-Version vom Dschungelcamp, namentlich: „Wild Girls – Mit High Heels durch Afrika.“ Hier wird halt nicht im australischen Dschungel gezickt und auf Survivor-Camp gemacht, sondern eben in der afrikanischen Wüste, inmitten von Einheimischen. Die Promis sind so sehr am Ende vom Alphabet angesiedelt, dass man hier ehrlich gesagt gar nicht die Namen der Tussi-High Heels-Kandidatinnen zu nennen braucht. Sagt ja sowieso keinem was. Nur kurz: Es ist eine Wilde Hilde-Runde, bestehend aus Ex-GNTM-Teilnehmerinnen, Warum-ist-die-berühmt-Mädels, Exfrauen berühmter Promis, Reality-Show-Starlets, Sowas-Wie-Sängerinnen oder Drag Queens, die eigentlich auch Sängerinnen sein wollen, jetzt aber durch die Wüste stapfen (müssen).

Bei „Wild Girls“ wird uns also das geliefert, was wir von (RTL-)Reality-Shows kennen. Klar, ich gebe zu, manchmal hat das seinen (das Gehirn nicht überfordernden) Reiz, und auch die eine Stunde „Wild Girls“ vergeht recht schnell und ist kurzatmig. Weil man nicht wegsehen kann. Wie bei einem schlimmen Unfall. Man weiß, man sollte gehen, sich anderen Dingen zuwenden, weil man weiß, man kann sowieso nichts mehr dran ändern. Die Katastrophe ist geschehen. Aber man kann halt nicht anders, die Augen bleiben nicht nur haften, sie werden immer größer, und man denkt sich, wie sowas nur geschehen konnte. In diesem Fall, klar, kommt auch noch Schadensfreude dazu, wenn Mrs. High Heel im Gebüsch pinkeln gehen muss oder sich selbst wundert, wo sie hier gelandet ist.

Aber trotzdem, irgendwas ist anders bei „Wild Girls“. Irgendwas fühlt sich nicht richtig an. Sind es die Botox-gespritzten Lippen der Kandidatinnen oder der falsche Busen? Okay, das auch. Nach einigem Nachdenken, das man beim Zugucken der Sendung doch irgendwie hinkriegt, kommt man dann drauf: Der Clash „verwöhnte Promi-Welt trifft auf afrikanische Nomaden-Völker“ hat einen fahlen Beigeschmack. Nicht, weil sich über die Einheimischen lustig gemacht wird. Die Kandidatinnen vergießen sogar (kameratauglich) Tränen, als sie begreifen, wie wenig „die hier“ haben und „wie verwöhnt wir sind“. „Ich zicke zuhause schon rum, wenn ich keine Schokoloade kriege, und die hier haben gar nix. Ich mein, guck dir die mal an!“, meint eine Kandidatin. Es ist ein bisschen so, als treffen Leistungssportler auf Behinderte: Mitleid, wo geht, aber kein Verständnis. Und eine Selbstreflexion, die nur solange anhält, bis man ins alte Leben zurückkehrt. Die zerdrückten Tränen mögen auf den ersten Blick ja sympathisch rüberkommen, offenbaren aber doch nur, wie beschränkt der Horizont der „Wild Girls“ eigentlich ist. Respekt und vor allem Gleichstellung schwingt bei „Guck dir die mal an!“ eher weniger mit – eher der Schock, wie man ohne Lidschatten, Haute Couture-Klamotten und Smartphone leben kann. Das stimmt traurig, irgendwie. Auch, dass so manche der Girls gar nicht wissen, wo Namibia eigentlich ist.

„Ich kenn das nur aus dem Fernsehen!“, meint eines der Glamour-Girls bei der Ankunft im Himba’schen Dorf. Man kommt nicht um das Gefühl herum, dass RTL alles daran setzt, dem Zuschauer nicht vergessen zu lassen, dass das Gebotene tatsächlich nur TV ist – das heimische Volk inklusive. Wenn Moderator Andreas Jancke zu Beginn zu den Girls meint: „Jetzt beginnt euer Ernst des Lebens!“ und eine der Kandidatinnen wenig später beim Wettlauf meint, sie sei „um ihr Leben“ gerannt, dann ist der Spaß beim Zugucken plötzlich weg und man schüttelt nur noch verständnislos den Kopf. Weil es beim afrikanischen Volk, namentlich die in der Pilotfolge gezeigten Himba, TATSÄCHLICH tagtäglich um Leben und Tod gehen kann, sie manchmal tatsächlich um ihr Leben rennen müssen, sie den wirklich wahren Ernst des Lebens kennen. RTL scheint mit diesem Clash provozieren und allen voran unterhalten zu wollen, der Schuss geht allerdings nach hinten los. Ein sensiblerer Umgang seitens RTL mit der fremden Kultur wäre wünschenswert gewesen. Aber das bringt wohl weniger Quoten. In welchem Ausmaß und ob überhaupt die Himba für ihr Mitwirken an der Sendung entlohnt wurden, wäre auch sehr interessant zu wissen.

Aber es gibt auch den einen oder anderen Lichtblick bei „Wild Girls“: Zum Beispiel, als Drag Queen Conchita Wurst den Himbas zu erklären versucht, ob sie nun Mann, Frau oder beides ist. Als Wurst die faszinierenden Frauen und Männer fragt, was sie von ihrem Bart halten, gibt es durchweg positive Bekundungen. Das „Bartmädchen“ wird von den Himbas als sehr attraktiv empfunden. Wäre schön, wenn die westliche Welt schon so fortschrittlich wäre so manch afrikanisches Volk.

Köstlich auch die Szene, in der eine Kandidatin (Fiona war’s, glaub ich. Kennt die wer? Sag ich doch!) tränenreich ihr Bestürzen über das Nomaden-Volk Himba zum Ausdruck bringt, während im Hintergrund ein junger Nomade sie mit skeptischem Blick begutachtet. Auch er kann die Augen von der fremden Kultur nicht lassen. „Alter, was ist mit dir?!“, scheint er sich zu denken, bevor er der Kamera den Rücken zuwendet. Fiona hat das leider nicht getan.

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