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Österreichs ESC-Experte Ralf Strobl (c) Ingo Pertramer

Österreichs ESC-Experte Ralf Strobl (c) Ingo Pertramer

Am 14. Mai tritt Österreich mit Powerstimme Natalia beim ersten Halbfinale des ESC (Eurovision Song Contest) 2013 in Malmö an. Die Chancen, ins Finale am 18. Mai aufzusteigen, stehen gut, meinen zumindest die Buchmacher. Die Österreicher selbst sind nach den (vermeintlichen?) Misserfolgen von Nadine Beiler und Trackshittaz da eher anderer Meinung.

Wie stehen die Chancen für Natalia also wirklich? Ist der ESC tatsächlich nur eine Freunderlwirtschaft? Und wieso tut sich Österreich mit dem Song Contest so schwer? Diese und andere Fragen beantwortet Top-Journalist, Österreichs ESC-Experte und Berater von Nadine Beiler und Natalia Ralf Strobl im exklusiven und sehr offenen Interview mit „This is the (new) shit“.
Am 14. Mai steigt das erste Halbfinale des ESC 2013. Österreich geht mit der Startnummer 1 an den Start. Vorteil oder Nachteil?
Ralf Strobl:
Dieses Jahr werden die Startnummern das erste Mal nicht wie bisher ausgelost, sondern der (traditionelle) Veranstalter des ESC, also das schwedische Fernsehen, hat selbst bestimmt, in welcher Reihenfolge die Länder im Halbfinale gegeneinander antreten. So will man sichergehen, eine spannende und abwechslungsreiche Show bieten zu können und beispielsweise vier Balladen hintereinander zu vermeiden. Dass entschieden wurde, dass Österreich als erster auf die Bühne soll, ist natürlich eine große Ehre. Denn jeder weiß: Eine Show eröffnet man immer mit einem sehr starken Act – man will schließlich, dass das Publikum dranbleibt.

Welche Startnummer ist denn verhasst?
Traditionell ist die Startnummer 2 die unbeliebteste, die hat meines Wissens noch nie gewonnen! (lacht)

Werden Natalia von den Buchmachern gute Chancen einberechnet?
Ist ganz okay. Das Skurrile ist ja, dass die Wetten bereits beginnen, bevor die Songs überhaupt feststehen. Anfangs waren wir bei den Wetten am letzten Platz. Nach unserer Vorausscheidung, die via der EBU-Homepage (European Broadcasting Union) von zigtausenden Menschen verfolgt wurde, war Österreich dann plötzlich auf Platz 5 – ex aequo mit Schweden! Das ist natürlich schon geil, Schweden ist schließlich DAS Song Contest-Land schlechthin! Aktuell liegen wir im Mittelfeld. Wenn die Wettquoten stimmen – und diese sind meist ein guter Gradmesser –, dann kommen wir ins Finale. Und dann …

Und dann?
Ganz ehrlich: Wenn wir das Finale erreichen, ist das für Österreich schon ein ganz guter Erfolg. Denn wir haben es beim ESC tatsächlich sehr schwer: Wir haben keine teilnehmenden Länder, die automatisch für uns voten und uns hohe Punkte geben – abgesehen von Deutschland, die uns seit Nadine Beiler plötzlich lieb haben! Tschechien, Bosnien und die Türkei, die uns alle verbunden sind, fehlen heuer allesamt beim ESC. Das heißt, es wird sehr schwierig werden. Ich hoffe aber, dass wir das Finale erreichen.

Und dann gibt’s wieder böse Worte, wenn’s einer der hinteren Plätze wird …
Das stimmt. Nadines Auftritt wurde als Misserfolg bewertet, dabei wurde sie im Finale 18. von insgesamt 41 Ländern. Das vergessen aber die Leute. Wir tun beim ESC unser Bestes und nehmen nicht mit der Absicht teil, zu gewinnen. Wir haben dafür auch nicht das nötige Geld und nicht die nötige PR. Was nicht heißen soll, dass man mit guter Qualität nicht die vordersten Plätze erklimmen kann! Davon bin ich sogar überzeugt.

Der ESC – also doch nicht nur eine Freunderlwirtschaft?
Beim ESC geht es weniger um Freundschaften als um den gemeinsamen Kulturraum, wenn man es so nennen mag. Wenn zum Beispiel für Bosnien ein Künstler antritt, der im gesamten Balkan-Raum bekannt und erfolgreich ist, wird er von diesen Ländern natürlich auch hohe Punkte bekommen. Es kommt auf die Fanbase des Künstlers im jeweiligen Land drauf an. Deshalb halte ich von all den Verschwörungstheorien nichts.

Österreich wird also niemals wieder beim ESC gewinnen?
Ich halte es nicht für unmöglich. Und ich würde es sehr schön finden.

Man sagt gerne, der ESC bringt die teilnehmenden Länder einander näher. Aber schürt er nicht vor allem den Wettbewerbscharakter?
Der ESC ist ja aus der Idee heraus entstanden – da waren übrigens die Franzosen sehr dahinter -, dass das internationale Gemeinsamkeitsgefühl nach dem WK II gestärkt werden müsse; die Länder sollten einander wieder näher rücken. Wenn man einmal live beim ESC dabei war, spürt man diesen Grundgedanken auch ganz deutlich: Hier wird zwei Wochen lang Europa gefeiert und jeder hat sich lieb! (lacht) Sicher ist das auch manchmal etwas skurril, aber eine sehr schöne und eindrucksvolle Erfahrung. Beim Song Contest wird es sogar möglich, dass Türken und Israelis gemeinsam feiern. Deshalb: Ja, der ESC ist durchaus völkerverbindend. Deshalb ist es für mich gar keine Frage, dass Österreich jedes Jahr teilnimmt. Egal, wie erfolgreich wir dabei sind. Ich sag mal so: Wir sollten lernen, auch gute Verlierer zu sein.

Beim ESC ist ja auch der werbetechnische Aspekt kein unwichtiger …
Genau. Der ESC ist eine großartige Plattform, um sich international zu präsentieren. Ein gutes Beispiel: Vor zwei Jahren hat Israel in Düsseldorf auf seiner ESC-Party gerade seinen Independence Day gefeiert. Als Nadine dort auftrat, hat sie den Song „Halleluja“ gesungen und dem Publikum zu ihrem besonderen Tag gratuliert. Viele Leute hatten Tränen in die Augen. Daraufhin war Österreich zweimal in den israelischen Hauptnachrichten und wir sind gefeiert worden, weil wir das einzige Land waren, das an diesen israelischen Feiertag gedacht hat. Mein bisher schönstes ESC-Erlebnis. Auch für Moldawien war es ein besonderer Moment, als es das erste Mal beim ESC teilnahm. Endlich haben sie sich als gleichberechtigten Teil Europas gefühlt. Denn beim ESC sind alle gleichberechtigt.

Warum tut sich Österreich dann mit dem Song Contest so schwer?
Das hat viele Gründe. Zum einen hat Österreich nicht die naive Leichtigkeit anderer Länder. Wir dürfen den ESC nicht ernst nehmen, müssen ihn durch die ironische Brille sehen – ansonsten gilt man nicht als intellektuell. Der ESC gilt bei uns nicht als „cool“, was in anderen Ländern überhaupt nicht der Fall ist.
Zum anderen ist die österreichische Musikszene leider tatsächlich eine traurige, zumindest, wenn man in der Mainstream-Schiene bleiben will. Österreich hat ja den Ruf, dass wir zum ESC zwar tolle Sänger, aber mit schwachen Produktionen hinschicken. Und da ist schon was dran! Wir haben wenige Komponisten und Produzenten, die internationales Format haben. Das Problem haben zwar andere Länder auch, aber die engagieren dann halt beispielsweise schwedische Produzenten. Man kauft sich also am internationalen Markt ein. Das ist legitim, aber ich unterstütze das nicht. Denn der ESC will ja eigentlich die jeweils heimische Musikindustrie pushen.

Hat Österreich vielleicht zu wenig Interesse am Song Contest?
Nein. Die im ORF ausgestrahlte Vorausscheidung mit Nadine Beiler vor zwei Jahren hatte eine Quote von über einer Million. So viel schafft nicht mal „Wetten, dass…?“. Die Frage ist nur, wie man das Interesse richtig weckt. ORF und Ö3 tun in ihrem Rahmen aber das Beste.

Letzte, unweigerliche Frage: Wer wird den diesjährigen ESC gewinnen?
So eine Frage zu beantworten, bevor man die Künstler live gesehen hat, ist nicht besonders klug. Das Wichtigste ist nicht die Stimme, sondern dass man auf der Bühne authentisch rüberkommt. Aber: als Favoriten gehandelt werden Dänemark, Norwegen, Niederlande, Ukraine und Russland.

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