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Die Zeiten sind schon lange vorbei, in denen Frauen in TV-Serien nicht mehr sein durften als die liebevolle Mutter, die unterstützende Freundin oder die überdrehte Schwester. Schon in den 1960er Jahren durften Barbara Gordon alias Batgirl und natürlich Emma Steel den Bösewichtern in den Hintern treten. In den 1990er Jahren beherrschte die taffe FBI-Agentin Dana Scully die TV-Bildschirme. Dass Frauen also auch in der fiktionalen TV-Welt mehr sind als schöner Aufputz des männlichen Helden, ist ein alter Hut.

Der aktuelle Trend allerdings geht immer mehr weg von der Heldin mit dem reinen Herzen hin zur Heldin mit Schattenseiten. Die weiblichen Figuren in modernen TV-Serien leben im moralischen Graubereich, haben Schwächen und Fehler und nehmen sich, was sie wollen – oft ohne Rücksicht auf Verluste. Dadurch aber sind sie menschlicher als jemals zuvor. Und, auch interessant: Je durchtriebener die Frauen, desto warmherziger werden die Männer. Gender-Experten und Soziologen dürfen sich an dieser Stelle austoben.

Folgend ein paar Beispiele der modernen Frauenfigur im TV:

Emily Thorne („Revenge“)

Emily Thorne alias Amanda Clarke (Emily vanCamp) hat’s faustdick hinter den Ohren. In „Revenge“ zerstört sie mithilfe einer falschen Identität nach und nach das Leben aller Bewohner der Hamptons (dort, wo die Reichen und Schönen wohnen). Na gut, man gönnt es ihnen, hat die Upper Class doch einiges an Dreck am Stecken. Zum Beispiel, dass sie das Leben von Emilys Vater auf dem Gewissen haben. Verständlich, dass Emily, die ein bisschen aussieht wie die junge Britney Spears (weshalb es einige Folgen dauert, bis man ihr die Kaltschnäuzigkeit abkauft), da kein Erbarmen kennt. Mit welcher Gefühlskälte die junge, vom Leben gezeichnete Dame allerdings ihre Mitmenschen um sich herum benutzt, um ihrem Ziel näher zu kommen, überrascht dann aber doch. Was „Revenge“ zum Guilty Pleasure erster Güte macht.

Jackie Peyton („Nurse Jackie“)

Jackie ist medikamentensüchtig, betrügt ihren herzensguten Ehemann, ist alles andere als ein Teamplayer und überhaupt ist sie nicht die sympathischste Frau auf der Welt. Aber in ihrem Job als Krankenschwester macht Jackie so schnell keiner was vor. Patienten stehen an erster Stelle (na gut, meistens zumindest). Jackie Peyton, überragend dargestellt von „The Sopranos“-Urgestein Edie Falco, ist jene Art von Frau, die wir alle kennen. Und bei der wir uns nie so recht sicher sind, ob wir sie mögen oder nicht. Langweiliger wäre die Welt ohne den Jackie Peytons da draußen auf jeden Fall.

Tara Gregson („The United States of Tara“)

In der 2011 nach drei Staffeln viel zu früh eingestellten Serie „The United States of Tara“ kämpft Tara Gregson (Toni Collette) gegen ihre multiple Persönlichkeiten (unter anderem ein sexbesessener Teenager, ein rüpelhafter Mann und ein wildgewordenes Tier), die sie mehr als einmal in Schwierigkeiten bringen. Klar, dass Tara von ihren zwei Kindern und ihrem (auch hier der herzensgute, unterstützende) Ehemann nicht zur Mutter und Ehefrau des Jahres gewählt wird. Denn auch, wenn Tara zwischendurch mal sie selbst ist, ist sie weit entfernt, eine strahlende Heldin zu sein; zu sprunghaft, zu egozentrisch, zu sarkastisch ist sie. „United States of Tara“ (von der ARD unter dem Titel „Taras Welten“ im Nachtprogramm verramscht) ist eine faszinierende Psychoanalyse einer Frau in ihren Vierzigern, die das lebt, was wir uns alle wünschen: das eigene Ich hinter sich lassen zu können.

Constance Langdon („American Horror Story“)

Während Emily, Jackie und Tara im Grunde ihres Herzens doch „Gutmenschen“ sind, fällt es schwer, Constance Langdon (erschreckend überzeugend: Jessica Lang) sympathisch zu finden. Constance bringt ihren Ehemann um, als sie ihn mit dem Hausmädchen beim Schäferstündchen erwischt (und das Mädel killt sie gleich dazu), schreckt in der Erziehung ihrer am Down-Syndrom leidenden Kindern auch nicht vor Gewalt zurück (und bei einen von ihnen auch nicht vor Mord) und setzt alles daran, das Baby ihrer Nachbarn (die auch nicht ohne sind) zu ihrem eigenen zu machen. Nein, Constance möchte man nicht als Freundin haben – und als Feindin schon gar nicht. Trotzdem (oder deshalb) ist sie in der ersten Staffel des vollkommen überdrehten Serienhits „American Horror Story“ die bei weitem faszinierendste Figur. Weil sich irgendwo unter der perfekt geschminkten Maske und der allen Wetterlagen trotzenden Frisur doch nur ein Mensch verstärkt, der seine Träume nie leben durfte. Warum sollte es dann also anderen erlaubt sein?

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